Die Preisträger des internationalen Online Journalism Award 2011 stehen fest. Im Videobereich dominieren die großen Multimediapakete, deren Videos ich aber nicht bahnbrechend finde. Das folgende Stück hingegen ist grandios.
"Spilling Over" hat den Preis für das beste Onlinevideo ("small site") gewonnen.
In den 8,5 Minuten erfahren wir von den Leidensgeschichten einiger Anwohner der BP-Ölkatastrophe von 2010. Ein durchaus langes Webvideo, aber wunderbar visualisiert.
Der stärkste Teil ist das Storytelling. Ohne zu viel zu verraten: So traurig die Schicksale auch sind, das Video wird niemals langweilig. So stelle ich mir Journalismus im Netz vor. Leider hat das Video bis jetzt keine 8000 Abrufe...
Wie viel Geek darf's denn sein? Wenn ich mir die Pilotausgabe der deutschen "Wired" anschaue, kann die Antwort nur negativ ausfallen. Bevor jetzt ein Verriss an dieser Stelle vermutet wird: Ich finde die Knüwersche Testversion trotzdem äußerst gelungen.
Geek-Deutschland hat ein Kleinod mehr. Zumindest für eine kurze Weile. Dass die deutsche "Wired" mir nur digital als iPad-App ins Haus kommt, ist meiner Vorliebe für die US-App gechuldet. Und meiner Verachtung für die GQ. Technisch gibt sich die hiesige Download-Variante dann auch nicht viel anders, als das US-Pendant. 663 MB müssen heruntergeladen werden, bevor der multimediale Spaß los geht. Einziger Unterschied: Ich kaufe für 2,99 keine Ausgabe, sondern die App.
Und ja, ich schreibe bewusst Spaß. Denn mir hat das Erleben der deutschen digitalen Wired durchaus Freude bereitet. Die vielen kleinen Spielereien, die videoalen Gimmicks, das Look and Feel 2011 sind mir näher, als totes Holz in Scheibchen.
Ein paar Dinge sind mir dann doch sauer aufgestoßen. Ich finde die Themenauswahl gelungen, manche Texte hingegen zu lasch. Manchmal fehlt das elegische der englischsprachigen Ausgaben, an anderer Stelle der Rotz und die Frechheit, generell die Luftigkeit und Unbeschwertheit. Wired ist für mich ein Geek-Magazin, von Geeks für Geeks. Nicht so in Geek-Deutschland.
Im videoalen Bereich hätte ich mir etwas mehr Experimentierfreude gewünscht. Hey, das ist die Wired und nicht ein Regionalportal.
Ein absolutes No-Go ist die Promo-Story "Elektrisch und elektrisierend". Auf der Titelseite als "Das Ende des Autos - wie wir es kennen" angepriesen, versteckt sich dahinter eine getarnte BMW-Werbung. Der notwendige Hinweis "Anzeige" verkümmert schwer auffindbar im oberen rechten Bereich der ersten Artikelseite. Alles in allem zieht sich die Geschichte über 5 iPad-Seiten. Ohne Werbung geht es nicht. Aber das ist zu dreist.
Bevor ich jetzt weiter auf hohem Niveau meckere, bleibt festzuhalten: Ich habe das Magazin von vorne bis hinten gelesen und mich nicht gelangweilt. Nein, gar sogar manchmal gelächelt, gestaunt und mich geärgert. Und das ist 1000mal mehr, als jedes andere Magazin derzeit in Deutschland schafft.
(Hinweis: Ich arbeite hin und wieder mit Wired-Chefmaestro Thomas Knüwer zusammen und einige der Wired-Schreiber- und Redakteure sind Autoren beim Elektrischen Reporter, den ich redaktionell mitbetreue.)
Nein, das ist nicht übertrieben. Und nein, ich wiederhole mich da gern. Das deutsche Fernsehen hat ein Problem: Das sind die Macher selbst. Wenn jemand einen Beweis dafür gesucht hat, dass TV ein überholtes Medium ist, möge er bitte folgenden RTL-Beitrag anschauen.
Mal vom üblichen RTL-Duktus und den handwerklichen Unzulänglichkeiten abgesehen, strotzt der Beitrag nur so vor Selbstherrlichkeit und Arroganz - und ignoriert eine ganze Generation an Menschen und das, was ihnen wichtig ist. Diese Ignoranz trifft nicht nur die Gamer - welcher Webvideo-Macher wird denn von den Sendern akzeptiert und nicht in die "Billigheimer"-Ecke geschoben?
Es ist noch ein langer Weg, bis dieser Kulturkampf beendet ist. Zumindest bin ich mir sicher, dass Kollegen wie bei RTL nicht zu den Gewinnern gehören werden.
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Ich spare mir weitere Worte und verweise auf den sehr treffenden Text von GameOne-Spezialagent Daniel Budiman.
UPDATE!
Das Antwort-Video von GIGA.
UPDATE 2!
Die Originalbeiträge werden von RTL auf YouTube im Akkord gesperrt. Einfach nach "Gamescom" und "RTL" suchen, um fündig zu werden.
Wer kennt es nicht: Im Fernsehen wird mal wieder ein Video-Clip aus diesem Internet gezeigt. Und weil es manche Redaktionen nicht so genau mit der Quellenangabe nehmen, freut sich ein gewisser Urheber namens "Internet" über die Namensnennung. Digital angehauchte Journalisten lassen sich gar zu einer feingliedrigen Benamung hinreissen: Dann wird aus dem "Internet" schnell ein "YouTube". Dummerweise ist beides nicht korrekt und verstößt gegen das deutsche Urheberrecht.
Wenn es um Urheber- und Nutzungsrechte geht, springen deutsche Medienunternehmen ganz schnell von ihren Empörungsstühlen. An die eigene Nase darf nicht einmal der HNO-Arzt packen, Fehltritte sind dennoch an der Tagesordnung. Prominentestes Beispiel im Webvideo-Bereich: Die Videos von YouTube.
Dabei hat die Google-Tochter die Nutzung für Medien klar geregelt. Da keine deutsche Redaktion anscheinend bis jetzt den Pressebereich des Videoportals gefunden hat, ein Blick in diese Halle der Weisheit:
Richtlinien zur Einbettung von YouTube-Content in eine Show
Erwähne den Content-Eigentümer. Obwohl YouTube eine Lizenz zur Verbreitung des Contents, ist der YouTube-Nutzer der Eigentümer des Contents. Wenn du ein Video verwenden möchtest, empfehlen wir, den Nutzer direkt zu kontaktieren und einen entsprechenden Hinweis anzugeben, indem der Nutzername oder der echte Name des Nutzers angezeigt wird.
Erwähne YouTube beim erneuten Senden des Videos. Wenn du ein YouTube im Fernsehen zeigst, achte darauf, dass YouTube erwähnt und ein entsprechender Hinweis zu sehen ist. Wir haben das offizielle YouTube-Logo hierfür zum Download zur Verfügung gestellt.
Dahinter verstecken sich zwei rechtliche Aspekte:
Das Urheberrecht liegt nicht bei YouTube, sondern (zumindest auf den ersten Blick) beim jeweiligen YouTube-Nutzer, der das Video hochgeladen hat. Für eine weitere Auswertung bedarf es eben dieser Zustimmung des Nutzers.
Das Nutzungsrecht liegt bei YouTube, deswegen muss auch YouTube erwähnt werden. Die Fraktion "Quelle: Internet" hat an dieser Stelle leider schon verloren und darf direkt in die Kabine zum Duschen gehen.
Nun ist YouTube ein (jugendlich geprägtes) soziales Netzwerk und nicht jeder Nutzer antwortet auf private Nachrichten von fremden Personen. Für diesen Fall weiß auch YouTube keine Lösung, empfiehlt aber:
Was passiert, wenn ich von dem Nutzer keine Rückmeldung erhalte?
Wir ermutigen dich, Nutzer zu kontaktieren. Letztendlich sollten deine Redaktionsrichtlinien dir Hinweise darüber geben, ob ein direkter Kontakt zu Nutzern vor der erneuten Ausstrahlung von Videos erforderlich ist.
Der schwarze Peter liegt also weiterhin bei den Redaktionen - zu Recht! Dies geschieht übrigens nicht nur aus Schutz dem Urheber gegenüber, sondern auch aus einfachen presserechtlichen Überlegungen. Die Echtheit eines Videos lässt sich nicht ermitteln, wenn kein Kontakt zum Urheber möglich ist. Wessen Redaktionsrichtlinien keine Quellenprüfung vorsehen, sollte vielleicht lieber den Job in den Medien mit dem eines Geldwäschers tauschen.
Für manche Redaktionen bedeutet diese Regelung, auf Videos verzichten zu müssen. Denn selbst für das wacklige deutsche Zitatrecht ist ein eindeutiger Urheber erforderlich.
Mit journalistischen Webvideos Gewinne einzufahren ist unrealistischer, als mit Alpha-Blogs ordentliche Umsätze zu generieren. Hätte der Elektrische Reporter nicht unsere GEZ-Gebühren in der Hosentasche, würde es in Marios Videoschmiede schnell dunkel werden. 30000 Abrufe in der Woche sind beachtlich - und zugleich betriebswirtschaftlich katastrophal.
Die Unsitte, Webvideos nach nicht standardisierten Abrufen zu bezahlen, wird spätestens nächstes Jahr bei den meisten Video-Teams in Zeitungshäusern zu einer schmerzhaften Penektomie führen. Überleben werden nur die Bewegtbildbereiche mit der größten Potenz.
Es ist unwahrscheinlich, dass die Werbetreibenden jetzt umschwenken. Neue Werbemodelle passen nicht in Zeiten einer Krise. Demnach müssen wir uns mit dem Klickwahn arrangieren.
Dass sich Qualität im Netz lohnt, ist nur ein feuchter Traum kopflastiger Vordenker der New-Media-Szene. Mit Schönheit allein ließen sich nur selten zu Lebzeiten offene Rechnungen begleichen.
Was wir brauchen, ist die Bereitschaft, den schmalen Grad zwischen journalistischem Anstand und gewollter Prostitution zu beschreiten. Wo ein hochwertiges Webvideo die Gemüter von Chefredakteuren und Verlagsmanagern besänftigt, müssen zehn andere Videos den Klick-Karren aus dem Dreck ziehen. Am Ende des Jahres entscheiden die Zahlen und nicht die Lobpreisungen aus der Chefetage über Budgets.
Der Sektor Webvideo ähnelt demnach dem kompizierten Mikrokosmos eines gesamten Nachrichtenportals. Eine Fotostrecke von Germany's Next Topmodel ist journalistisch ein Griff ins Klo. Die Zugriffszahlen wischen aber die Tränen über die mauen Klicks aus dem Ressort Politik hinfort.
Wer sich Qualität im Netz leisten will, muss bereit sein, sich die Hände schmutzig zu machen. Dies fängt bei den Produktionsstandards an und hört bei der Themenauswahl nicht auf.
Für Webvideo bedeutet dies: Wenn wir überleben wollen, müssen wir eine Erfolgsformel finden, die journalistische Qualität, Produktionskosten und Kilckzahlen in Einklang bringt. Diese darf nicht in Stein gemeißelt sein und muss stetig auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden.
Eine allgemeingültige Zauberformel wird es ebensowenig geben. Jeder Video-Mikrokosmos ist einzigartig und bedarf einer eigenen Quotierung.
Vielleicht sichert uns dieser Weg das Überleben, bis neue Erlösmodelle dem Webvideo-Bereich neue Impulse aufzeigen.
(Dies ist ein Repost eines alten Blogposts vom 1. Juni 2009, als ich noch von WAZ-Geld leben musste. Einige Aussagen würde ich heute nicht mehr so tätigen.)
Irgendwie wollen sie nicht miteinander reden, diese Netzfutzies und Politikhansel. So kommt es mir vor, wenn ich die Debatten im Netz und außerhalb verfolge. Die eine Seite schießt gegen die andere, und nicht immer wird mit sauberer Munition geschossen. Viel zu oft sind es leider auch die Netzaktivisten, die übers Ziel hinausballern, Polemik als Waffe nutzen und sich dabei nur selbst diskreditieren.
Es mag für eine Weile ganz lustig sein, jedes Politikerstatement auf die Schippe zu nehmen. Virtuelle T-Shirts, knackig-coole Banner, Meme am laufenden Fließband. Was den politischen Gegner ärgern mag, sorgt beim Publikum außerhalb der Netzblase nur für Kopfschütteln. Nicht, weil sich die Entstehung, der Witz eines Mems nicht erschließt. Sondern auch, weil die Themen zu Ernst sind, als sie fortwährend durch den satirischen Kakao zu ziehen. Netzpolitik ist keine Satirezeitschrift.
Ähnlich sieht es auch Peter Kruse, den ich gestern für das ZDF-Blog Hyperland gesprochen habe. Er beklagt die "Plassbergsche Aufmachung" vieler Themen, er hat genug von der Rennerei um "Hypes" und plädiert für mehr Unaufgeregtheit in der Debatte. Oder um es mit einer seiner Theorien zu sagen: "Ideologisierung ist das einzige, was eine sachliche Debatte zerstören kann." Und Ideologien haben noch niemandem gut getan.
Ich, wir alle, haben versagt. War es doch unser Ziel, die Gräben zu verschütten, Brücken zu bauen, Wege aufzuzeigen. Nach mehr als drei Jahren Bewegtbildaktivismus sieht die Bilanz verheerend aus. Fernsehen und Webvideo verschmelzen nicht zu einem konvergenten Medium. Die Differenzen sind größer denn je. Längst ist Bewegtbild eine zersplitterte Kulturtechnik, Dialog ein Fremdwort geworden.
Ich habe große Achtung vor den Experimenten hiesiger Fernsehsender. Versuchen doch vor allem die öffentlich-rechtlichen eben jenen schwierigen Spagat zwischen Netz und Flimmerkiste aufs Parkett zu bringen. Eperimente wie der Hybrid-Krimi Dina Foxx im ZDF zeugen von dem Willen, sich zu wandeln. Doch kann kein noch so starker Wille die Realität verbiegen: Der Nutzer geht diese Entwicklung nicht mit.
Blicken wir der Wahrheit ins rot funkelnde Auge: Der größte Teil der Generation "Fernsehen" wird sich niemals mit der Bewegtbildkultur des Netzes anfreunden. Auch auf der anderen Seite des Nutzungsverhaltens herrscht wenig Gegenliebe. Wer heute ohne Tagesschau, Wetten dass und stupide Gerichtsshows sozialisiert wird, der wandert in Massen auf andere Kanäle. Spartenangebote wie das gelungene ZDFKultur sind dabei dennoch nichts weiter als ein Tropfen auf den heißen Stein.
Beide Seiten wollen nicht miteinander reden
Es war kurz vor dem Medienforum.NRW, als ich einen Anruf von den Machern erhielt. Man wünsche sich eine Art Kamingespräch mit einem echten TV-Urgestein, einem Schwergewicht wie Helmut Thoma. Ihm gegenüber sollte dann ein junger Vertreter der Generation "YouTube" sitzen - nicht älter als 20 Jahre. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Das Kamingespräch - als Überraschungshighlight des medienforums geplant - fand mangels passender williger Kandidaten nicht statt.
Was hätten diese beiden Archetypen der Medienwelt auch zu besprechen gehabt?
Ich glaube, manchen Medienmachern ist immer noch nicht bewusst, welche gravierenden Auswirkungen die rasend schnelle Demokratisierung der Produktionsmittel auf unsere Wirklichkeit haben wird. Mit welcher Geschwindigkeit die Innovations-Meteoren täglich neue Löcher in die verkustete Oberfläche bestehender Medienstrukturen schlagen. Das ist nicht mit jährlichen Studien messbar, das ist nur am eigenen Verhalten erlebbar.
Entweder wir akzeptieren, dass es mediale Parallelgesellschaften gibt. Oder wir verschwenden weiterhin wertvolle Ressourcen auf ein falsches Ideal von Harmonie. Und das zu einer Zeit, in der jede Minute zählt.
(Anmerkung: Ich arbeite unter anderem für das ZDF)
Es gibt so Dinge, für die fühle ich mich zu alt. Zum Beispiel Jahreshauptversammlungen beim Männergesangsverein, Sonntagsdisco mit DJ Reiner im Altenheim um die Ecke, oder eben das Medienforum.NRW.
Ich muss gestehen: Ich das Forum mal gemocht. Das war 2007, als ich erstmalig und im Dienste der WAZ den Weg nach Köln antreten durfte. So viele bekannte Mediengesichter, spannende Panels über die Zukunft meines Traumberufes und am Abend eine schmucke Party.
Dieses Jahr, 2011, habe ich lieber Büroarbeit absolviert, geistig verwirrten ElRep-Fans die Beichte abgenommen und ein gutes Buch gelesen, als mich mit dem Medienforum zu beschäftigen. Oder wie mein Kollege Sixtus das immer nennt: „Aufmerksamkeitshygiene“ betrieben.
Ein paar Brocken der medial rückwärtsgerichteten Oralergüsse haben mich dann doch erreicht. Danke, Twitter. Jedenfalls war das Geschwurbel der Medienobersten Grund genug, mir für mein Nichterscheinen dort doppelt und dreifach zu gratulieren.
Es ist ja nicht so, dass ich große Erwartungen an das Medienforum.NRW hätte. Wer Politiker (Hombach), Beamte (Nienhaus) und Schauspieler (Kraft, Rüttgers) über Medien philosophieren lässt, darf sich über das Schmierentheater nicht wundern.
Das konsequente und zunehmende Fernbleiben von digitalen Denkern der Branche sollte den Kölner Regisseuren allerdings zu denken geben.
Achja, ich bin dann doch dieses Jahr kurz schwach geworden. Die Bootsparty auf dem Rhein wollte ich mir nicht entgehen lassen. Weil dort einige Personen waren, die ich sonst selten sehe. Und die ebenfalls tagsüber lieber Arbeiten, als Internet-Antithesen aus dem Jahre 2007 zu lauschen.
Die Party war übrigens deftig skurril. Was weniger an den rund 800 Gästen, der „Silent Disco“ (Rahmenprogramm!) oder dem wirklich guten Roast Beef lag. Nur irgendwie habe ich schon 2007 Jean Pütz betrunken mit Kölschglas in der Ecke hocken sitzen sehen, und für ein Handyfoto mit Mutti Beimer fehlte mir zu wenig Anstand. Wie passend übrigens, dass der Abend vom Qualitätsfernsehsender QVC gesponsert wurde. Und jeder Besucher beim Verlassen der Party mit einer Marcus-Schenkenberg-QVC-Unterhose nach Hause gehen konnte. Also ehrlich, für manche Sachen fühle ich mich definitiv zu alt.
Interessante Reaktionen gab's auf meine Kollegenschelte, insbesondere auf persönlichem Wege. Deswegen ist es besonders schade, dass ich aus Zeitgründen das Panel beim DJV absagen musste. Dort hätte ich nur allzu gern mit Qualitätsaposteln wie dem Video-Vertreter meines Ex-Arbeitsgebers diskutiert. Etwas scheint aber bis jetzt untergegangen zu sein: Ich bin weiterhin ein glühender Verfechter der journalistischen Alleskönner.
Man könnte es als Autoritätsproblem bezeichnen, ich nenne es gesundes berufliches Misstrauen: Ich habe Probleme mit Entscheidungen von Vorgesetzten, deren Bewegtbilderfahrung nicht über das Tragen eines Stativs hinausgeht. Neben der menschlichen Qualifikation definiert das Fachwissen- und -können den Akzeptanzgrad. Und hier sehe ich viele tiefsitzende Probleme in der deutschen Journalistengesellschaft. Ich kann keinen Print-Chefredakteur Ernst nehmen, der einem Bewegtbildmacher die Schnittreihenfolge glaubt, vorgeben zu müssen.
Nun muss niemand ein jahrelang ausgebildeter Video-Experte sein. Aber es sollte das grundsätzliche Verständnis für das Handwerk vorhanden sein. Zeitungsredakteuren mit eklatanter Rechtschreibschwäche bescheinige ich weiterhin nur geringe Karrierechancen. Journalismus ist ein Handwerk. Und wer dieses nicht beherrscht, sollte zunächst selbst lernen und dann erst lehren.
Deswegen bin ich für eine allumfassende Ausbildung von Journalisten. Kaum jemand wird in mehreren Gebieten Perfektion erlangen. Aber die meisten Aspiranten werden nicht mehr wie der Ochs vorm Berg stehen, wenn jemand mit Fachwissen eine profunde Entscheidung erwartet.
So langsam platzt mir der gebügelte Kragen. Dabei sollte ich mich freuen: Immer mehr Kollegen haben Video für sich entdeckt. Leider scheinen sie dabei jedwede Professionalität in der Dorfkneipe vergessen zu haben. Es ist verwunderlich: Mieser Ton, verwackeltes Bild, keinerlei roter Faden und dennoch sollen diese Machwerke die untergehende Kaste der Informationsmittelmänner retten? Wohl kaum.
Beim gedruckten Wort gibt es keine Kompromisse. Wer nicht Rechtschreibung und Stil gefuttert oder zumindest in Griffweite hat, gilt als unfähig. Und das zu Recht: Wer kommuniziert, sollte zumindest das dafür notwendige Handwerk beherrschen. Für Bewegtbild scheint das nicht mehr zu gelten.
Und so tauchen Tag für Tag neue Bewegtbildunfälle bei Tageszeitungen auf. Auch so mancher Blogger hält sich nach dem Kauf einer Westentaschenkamera für den nächsten Spielberg. Die Prämisse "Weil-es-geht-mache-ich-es" hat jedes Gefühl für Qualität verdrängt.
Oft wird argumentiert, man müsse doch auf Augenhöhe mit dem XXXXX kommunizieren. Diese Ausrede basiert auf einem kapitalen Denkfehler. Nur weil viele Webvideos von mäßiger Qualität sind, entbindet uns dies nicht vom Streben nach Qualität. Übrigens ein Streben, welches seit Jahren Video-Communities wie YouTube nach vorne peitscht.
Viel zu selten wird in Redaktionen über eine neue Definition von Qualität gesprochen. Es braucht kein TV-Studio, keine teuren Schulterkameras, kein Rechenzentrum für die Produktion von Bewegtbild. Aber es braucht Handwerk und Leidenschaft. Nicht selten ist Letzteres der stärkste Antrieb für Ersteres. Ein iPhone (mit externem Mikro, eigenem Rig, spezieller Video-App, zusätzlichem Objektv und und und) als Handwerk zu bezeichnen, ist verlogen.