Quo vadis, Webvideo? (2) - Progressive Videojournalism
3Video ist Bewegtbild. Ob nun auf dem Flachbildschirm im Wohnzimmer, im Kinosaal oder auf dem Laptop-Bildschirm. Doch was wäre, wenn Video nicht mehr nur ein monomediales Erlebnis sein könnte - sondern ein sich stetig weiterentwickelnder Prozess? Ein Stück mediale Wirklichkeit, die zu leben beginnt?
Ein typischer Arbeitsablauf im Alltag eines VJs sieht wie folgt aus: Thema recherchieren, Drehplan anfertigen, Drehen, Schneiden, Publizieren. Dieser grobe Ablauf hat sich für alle Ausspielkanäle kaum geändert. Es ist das, was ich gemeinheim “Web-TV” nenne: Eine systemimmanente Linearität im Bewegtbild.
Brechen wir diese Linearität auf und befreien Bewegtbild aus dem selbstgewählten Käfig!
Im linearen Videojournalismus würde der Produktionsprozess nach dem Publizieren (Online stellen) sein Ende finden. Zwar wird das Video kommentiert, in einen Text eingebunden, verlinkt, bei Facebook ge-liked - aber es bleibt ein fertiges Produkt.
Im non-linearen Videojournalismus - oder an Jeff Jarvis angelehnt - Progressive Videojournalism - beginnt die wahre Arbeit erst nach dem Publizieren: Hinweise aus den Kommentaren führen zu einer Vertiefung der Geschichte, es tauchen neue Gesichtspunkte auf, die ins Video einfließen.
Beispielablauf aus dem News-Alltag:
- Rohversion mit minimalen Schnitten online stellen (Version 1)
- Erste finale Version, geschnitten, z.B. mit Off-Text Version 2)
- Neue Entwicklungen im Newsfall ergänzen Version 2 (Version 3)
- Nutzer beteiligen sich an der Diskussion zum Video (Version 4)
- usw.
Die aktive Weiterentwicklung dieses konkreten Bewegtbild-Rohbaus erfolgt also erst mit Version 4, wenn die Nutzer aktiv einbezogen werden.
Natürlich bedeutet diese Arbeitsweise mehr Kosten, natürlich mag diese Vorgehensweise auch für die Nutzer noch ungewohnt sein - weil es sich beim Bewegtbild bis dato um ein eher einseitiges Medium gehandelt hat. Der Blick nach YouTube zeigt aber, dass die interaktiven Möglichkeiten angenommen werden und bereichernd sein können: Googles Videoportal erlaubt das Kommentieren im Video selbst, das Erstellen von Video-Kommentaren zu einem bestimmten Video etc.
Achja: Wer im Netz nach journalistischen Beispielen für obiges sucht, wird nicht fündig. Schade.
Faszinierende Vorstellung. Stellt natürlich den Redaktions-/VJ-Alltag auf den Kopf. Bislang galt: publiziert = abgehakt. Jetzt müsste man ja “dran” bleiben an der eigenen Geschichte. Ob das leistbar ist?In letzter Konsequenz ist es natürlich klasse, als Nutzer nicht einen Kommentar schreiben zu müssen, sondern z.B. den Off-Text eines Videos selbst einsprechen zu können. Und die anderen Nutzer wählen, mit welchem Text / welcher Textpassage sie den Beitrag sehen möchten. Leserbriefschreiben mal ganz anders …
Die Vorstellung von “Progressive Videojournalism” liegt sehr nah am Grundgedanken von Social Media. Von daher: Früher oder später wird es so kommen. Leider heißt das auch: 80 Prozent verstehen das nicht, 15 wollen es trotzdem nicht, und 5 Prozent versuchen es
Du hast die 30 Prozent vergessen, die - von den etablierten Medien “aufgestachelt” - grundsätzlich dagegen sind und sowas verbieten lassen wollen, weil es neu ist und damit gefährlich sein könnte. Wir sind hier nämlich in Deutschland. Da geht sowas nicht so einfach. Und schon gar nicht ohne Aufsichtsbehörde oder Rundfunkrat.