medienforum.nrw: Wenn alternde Herren schwadronieren
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Schwindende Zuschauerzahlen, herbe Verluste bei den jungen Zuschauern, Relevanzverlust auf breiter Basis. Eine Diskussion um das große Feld der TV-Nachrichten ist nötiger denn je. Oder auch nicht, wenn man zu Deutschlands News-Elite gehört.
Zum vierten Mal in Folge hat es mich zum medienforum.nrw verschlagen. Obwohl der inhaltliche Wert von Jahr zu Jahr zunehmend nachgelassen hatte, wollte ich die Hoffnung nicht aufgeben. Irgendwann - ja irgendwann - müsste doch auch dieses große Branchentreffen die Zeichen der Zeit erkennen.
Doch statt ehrlicher Diskussionen gab es erneut nur geistiges Butterbrot ohne Kruste.
"Wie sich TV-Nachrichten verändern müssen", darüber diskutierten Kai Gniffke (ARD aktuell), Christoph Lanz (DW-TV), Hans Demmel (n-tv) und Moderator Jürgen Hein (dpa). Katharina Borchert (SpOn) und Deborah Rayner (CNN) hatten kurzfristig abgesagt.
"Auch im Internet können News nicht neu erfunden werden."
Christoph Lanz
Eine Aussage, die so ziemlich die gesamte Diskussion auf den Punkt bringt. Die Tagesschau sei immer noch das Relevanz-Nachrichtenformat schlechthin, schließlich genüge dies den "Wikipedianern" als hinreichende Quelle, sagte Gniffke. Und dass n-tv bei Winnenden keine gute Figur gemacht hatte, quittierte Demmel mit der Aussage, man habe ja schließlich intern über die eine oder andere unglückliche Sache diskutiert.
Und dann war da noch das Internet. Wobei der Begriff "online" erst geschlagene 30 Minuten nach Diskussionsbeginn am Rande fiel. Kanäle wie Facebook und Twitter zu bedienen sei wichtig, aber nicht zu überschätzen, lautete das einhellige Credo der News-Macher. Um nochmal Kai Gniffke eine Aussage zu gönnen: Die Tagesschau sei weiterhin für alle und jeden da, und das werde sich auch nicht so schnell ändern.
Und eine Spontan-Umfrage schien im Recht zu geben: Nur eine Handvoll der mehreren Dutzend anwesenden Gäste im Vortragsraum hielten die Tagesschau für überholt. (Disclaimer: Ich gehörte dazu)
Auch auf Nachfrage aus dem Publikum konnte sich keiner der Diskutanten zu einem Liebesbekenntnis zum Internet überreden lassen. Dass offensichtliche Rechtschreibfehler im n-tv-Laufband auch nach Stunden fröhlich über die Mattscheibe flirren, sei nunmal menschlich. Und die sich sonst nicht freundlich gesinnten Öffentlich-Rechtlichen springen mit diesem Argument dem Privatfernsehen bei. Christoph Lanz: "Das kann jedem passieren. Und es passiert auch anderen, z.B. bei den Print-Titeln." Wenn mein Zahnarzt derartig sorgfältig arbeiten würde, könnte er sich bald einen Job als Bratwurstwender in Bochum suchen. Und falls es sich in TV-Kreisen noch nicht rumgesprochen hat: Menschen sollen durchaus angetan von Entschuldigungen sein. In diesem "durchaus wichtigen Internet" wird das manchmal praktiziert.
"n-tv macht durchaus brauchbare Nachrichten."
Kai Gniffke
Nun sollte man nicht zu sehr auf n-tv schimpfen. Im Vergleich zu der privaten Konkurrenz machen sie wirklich brauchbare Nachrichten. Und trotz aller Unkenrufe sind die die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangebote das Nonplusultra im deutschen Fernsehen.
Was mich so tief erschüttert hat, ist die naive Arroganz der Anwesenden Fernseh-Elite. Viel ändern müsse man bei den TV-News nicht, meinte Demmel. Sonst würden er und seine Kollegen nicht auf dem Podium sitzen. Denn schlechte Nachrichtenmacher wären längst ihren Job los. Eine bestechende Logik, die nur allzu arg an die verzweifelten Selbstbetrugs-Reden deutscher Verlage erinnert.
Gegen Ende der Diskussion fiel dann ein weiteres, bis dato nicht gehörtes Buzzword: Authentizität. Man müsse die Zuschauer "abholen". Achja, und iPad. Mehr als ein paar Standard-Sätze waren diese Buzzwords aber nicht wert.
Was bleibt, ist das Fehlen einer auch nur an der Oberfläche kratzenden Diskussion um Inhalte und neue Darstellungsformen von Bewegtbild-Nachrichten. Kein Wort zur unmittelbaren Teilnahme der Zuschauer an der Newsproduktion (von Kommentaren bei Facebook abgesehen), kein Wort zur sterbenden Gatekeeper-Funktion, kein Wort der Innovation, des Experimentierens oder die Einsicht, dass das Fernsehen vor ebenso großen Problemen steht wie Zeitungs-Verlage.
Aber damit muss man sich als Deutschlands News-Elite auch nicht beschäftigen. Vom Elfenbeinturm ist die Aussicht noch am Schönsten.
