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Journalismus muss sich für Webvideo öffnen

Jede Minute werden 72 Stunden neues Videomaterial bei YouTube hochgeladen. 70 Prozent der Zugriffe erfolgen nicht mehr aus den USA. Deutschland nimmt in Europa Platz 1 für Webvideos ein. Und trotzdem zögern viele Journalisten, wenn es um Bewegtbildjournalismus im Internet geht. Schauen wir uns an, warum das so ist.

Wurzel des Problems

Definieren wir Webvideo als bewegtes Bild im und für das Internet und Journalismus als kritische Aufklärung, lässt sich zunächst keine Unvereinbarkeit feststellen. Die Wurzel des Problems liegt tiefer begraben. Journalismus begreift sich seit jeher als kategorisierbare, ja bestenfalls messbare Handlung, als Moderation, als Vermittlung von Informationen, als Leuchtturm, als Torwächter, als Chronist. Eine differenzierte Definition, die klare Regeln erfordert. Fragen Sie sich selbst: Was ist ein Bericht? Eine Dokumentation? Ein Interview? Ab wann ist Journalismus zu lustig, um Journalismus zu sein?

All dies und nichts

Das Internet kann all diese Fragen beantworten und kontert mit noch mehr Fragen. Ist etwas lustig, nur weil ich darüber lache? Wenn niemand sich vom Beitrag aufgeklärt fühlt, was ist dann daran Journalismus? Aber wenn mir mein Star die Welt erklärt, wozu brauche ich euch Journalisten dann noch. Webvideos als audio-visuelle Ausdrucksform im Internet spiegeln genau diesen Zwiespalt wieder. Ihre Kategorisierung erfolgt nicht mehr durch die Produzenten oder Sender, die Einordnung übernimmt nun der Zuschauer. Er füllt den Videobeitrag mit Bedeutung. Er sagt, was für ihn Journalismus ist. Dass dieser nicht immer gut und wahr sein muss, hat sich bei Kony 2012 gezeigt. Ein Webvideo, welches als Information verkleidet viel mehr Desinformation liefert. Und in kürzester Zeit hundert Millionen Menschen rund um den Erdball erreicht hat.

Vom Kleinen ins Große

Nun war es bis gestern egal, wie Oma Kullitcke aus Wanne-Eickel die 22-Uhr-Reportage definiert. Doch seitdem wir über das Internet unsere Gedanken und Erlebnisse teilen, erfahren andere Menschen von unserer Definition. Entweder stimmen sie damit überein, lassen sie links liegen oder nutzen sie als Basis für ihre eigene Begrifflichkeit. Die Menschen entscheiden gemeinsam, was für sie Journalismus ist.

Hashtag-Journalismus

Die größten Auswüchse dieser individuellen Definitions-Schwemme finden sich auf Twitter. Der Kurznachrichtendienst lebt von den mit Rautezeichen (#) versehenen Begriffen, den Hashtags. Sie erleichtern die Auffindbarkeit und zugleich die Einordnung durch den eigenen Erfahrungshorizont. Doch lediglich der kleinste gemeinsame Nenner vereint die Nutzer: #oscar hat an einem Tag des Jahres weltweit die gleiche Bedeutung. Doch der gleiche Hashtag im Hochsommer mag eher mit Wetter zu tun haben, als mit Filmpreisen. So schafft sich das Internet fortwährend eigene Regeln und Gedankencontainer, manche haltbar über Jahre, manche nur für Sekunden.

Webvideo ist Ausdrucksform des Netzes

Webvideos, und dies lässt sich bei den erfolgreichsten Vertretern der Zunft nachschauen, basiert auf eben diesen Memen, diesen Gedankenkonstrukten, die durchs Netz wabern, auf uns lauern und niemals wieder loslassen wollen. Wer im Internet nach Katzen sucht, wird verstehen. Diese Gedankenkonstrukte ordnen einem Bewegtbild neue Begrifflichkeiten zu. Webvideo erfindet sich selbst kontinuierlich neu, nimmt die Schubladen, vertauscht sie, beschriftet sie neu, vergrößert sie, lässt sie leer oder füllt sie mit mehr Bedeutung als der Schrank zu fassen mag.

Dabeisein

Wie kann der Journalismus, mit seinen Regeln und Strukturen bei dieser Entwicklung Schritt halten? Dazu bedarf es eines Paradigmenwechsels. Bei uns allen. Bewegtbildjournalismus im Netz ist kein Sprint, nicht mal ein Hürdenlauf, es ist ein unendlicher Marathon. Vergessen Sie nicht nach links und rechts zu schauen, was am Wegesrand passiert. Nicht mehr wir definieren, was Information ist, sondern der Zuschauer selbst. Sie müssen durch das Handwerk Journalismus nur mehr Informationen vermitteln. Der Konkurrent ist nicht mehr die Redaktion nebenan, sondern jeder. Deswegen müssen Sie genauso mit Geschichten packen, wie es ein Popstar seinen Fans vormacht. Geben Sie dem Zuschauer wieder das, was er will. Sonst holt er sich seine Informationen woanders.

Machen Sie sich nichts vor: Niemand von uns wird die Entwicklung aufhalten können. Schon 2007 beschrieb Tom Sherman, Professor für Visual Arts an der Syracuse-Universität in den USA, wie sich Video und Bewegtbild seine eigene Identität schafft. Eine eigene Sprache, eigene Begrifflichkeiten. Wir müssen lernen, diese zu erkennen und mit diesen zu arbeiten. Sie als Journalist haben die Informationshoheit verloren. Freunden Sie sich damit an, dass auch die Formathoheit nunmehr Allgemeingut ist. Experimentieren Sie, machen Sie Fehler, lernen Sie aus Fehlern und hören und schauen Sie, was im Netz vor sich geht.

Die folgenden Seiten sollen Ratgeber- aber auch Ideengeber sein. Sie sollen Ihnen zeigen, dass es nicht um große oder kleine Verlage, viel oder wenig Aufwand geht, sondern um eine gute Idee. Und den eigenen Weg.

(Anmerkung: Der obige Text erscheint als Editorial am 4. Juli in der 16-seitigen und Journalisten-Werkstatt “Format Webvideo”, die ich für das “Medium Magazin” erstellt habe. Darin gibt es u.a. Interviews mit Felicia Day, DoktorAllwissend sowie Ralf Klassen von stern.de. Einige meiner Thesen und Tipps sind provokativ, ich freue mich auf die Diskussionen dazu.)

 

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