It's all about quality, baby!

Manche Dinge muss ich wohl nicht verstehen: Einerseits fordern die großkopferten Medienbosse unaufhörlich Qualitätsjournalismus, ja erklären diesen sogar für überlebenswichtig im digitalen Zeitalter. Wenn es dann um bewegte Inhalte geht, stehen sie wie der Ochs vorm Berg und freuen sich über verwackelte Flip-Videos am Fuß des Kilimandscharos.

Ich verstehe auch einige geschätzte Medienkollegen nicht, die im Jahre 2010 weiterhin mager berarbeitete Winz-Videos als Pflichtprogramm für jeden Redakteur jeglicher Couleur fordern.

Um es klar zu sagen: Weder das Netz noch der Zuschauer braucht Webvideos nur um der Webvideos Willen. Es ist ein bisschen so wie die sprichwörtliche Sache mit dem Hund: Nur weil er es kann, leckt er sich die ... Anders ausgedrückt: Nur weil jemand in der Redaktion eine Kamera oder ein Handy mit rudimentärer Videofunktion hat, heißt es noch lange nicht, jeden Interviewgast vor die Linse zu locken. Früher nannten Journalisten das effektive Bespielen verschiedener Kanäle mit passenden Inhalten "Medienkonvergenz". Ein Begriff, der mir bei all den Diskussionen um "Crossmedia", "Multimedia" und Konsorten zu kurz kommt.

Dabei habe ich nichts dagegen, wenn Video-Aspiranten nach Einweisung und Schulung gelegentlich Videos von ihren Termin mitbringen. Nicht, um die Schlagzahl an Bewegtbild auf der eigenen Seite zu erhöhen, sondern um sich mit dem neuen Werkzeug vertraut zu machen. Was den meisten Kollegen leider fehlt, ist das Handwerk, aus wackligen Schwenks und Zooms ein journalistisches Produkt zu generieren, oder gleich auf gewisse Drehregeln zu achten. Und auf dieses Handwerk kommt es bei Webvideos besonders an. Was dem Textjournalismus, egal ob Print oder Online, seine Rechtschreibung und das Vermeiden von schiefen Bildern ist, ist dem Videohandwerk sein Blick für gute Bilder und ein durchdachter Videoschnitt. Nicht zu vergessen der Ton: Bei Bewegtbild sieht das Ohr mit.

Der Einsatz von Quick-and-Dirty-Videomaterial kann und darf nur der Beginn einer Qualitätsstrategie im Bewegtbildbereich sein. Die Zeiten, in denen schnelle Interview-Schnipsel beim Leser für ein interessiertes Seufzen gesorgt haben, sind vorbei. In den vergangenen zwei Jahren hat sich der Qualitätsanspruch der Nutzer extrem gesteigert. Insofern ist der Spruch "Content is king" eine ähnlich leere Worthülse geworden, wie der Ruf nach "Qualitätsjournalismus".

Der Charme bei der Produktion von Webvideos liegt darin, Bewegtbild zu liefern, welches im klassischen Fernsehen nicht möglich ist. Eine schlecht gefilmte, auch noch so exklusive Pressekonferenz, bleibt eine schlecht gefilmte Pressekonferenz. Wer TV-Stilformen kopiert, muss sich an eben jenen messen lassen.

Exklusivität (sowohl generell als auch zeitlich) ist für viele Webvideo-Macher weiterhin ein schlagendes Argument. "Schließlich haben nur wir es." MIr greift die Argumentation zu kurz: Neben der weiterhin vorhandenen Vergleichbarkeit überschätzen viele Journalisten die Wertigkeit einer vermeintlichen Exklusivität. Würde man diese Erklärung konsequent verfolgen, müsste jede Jahreshauptversammlung mit Bewegtbild begleitet werden. Das dies keinen Sinn macht, ist offensichtlich. Dasselbe gilt für den Promi-Faktor: In Zeiten der medialen Überflutung, nicht zuletzt mit VIP-Content, verlieren prominente Inhalte ihren Gassenhauer-Effekt.

Die Schere zwischen Nutzererwartung und eigenen Ressourcen lässt sich nur mittels kontinuierlicher Fortbildung schließen. Sowohl im technisch-handwerklichen Bereich (Kamera, Schnitt) als auch im inhaltlichen Bereich (neue Erzählformen). Dies erfordert ein großes Maß an Experimentierfreude. Und den ausdrücklichen Wunsch, niemals mit der erreichten Qualität zufrieden zu sein.