Mit journalistischen Webvideos Gewinne einzufahren ist unrealistischer, als mit Alpha-Blogs ordentliche Umsätze zu generieren. Hätte der Elektrische Reporter nicht unsere GEZ-Gebühren in der Hosentasche, würde es in Marios Videoschmiede schnell dunkel werden. 30000 Abrufe in der Woche sind beachtlich - und zugleich betriebswirtschaftlich katastrophal.
Die Unsitte, Webvideos nach nicht standardisierten Abrufen zu bezahlen, wird spätestens nächstes Jahr bei den meisten Video-Teams in Zeitungshäusern zu einer schmerzhaften Penektomie führen. Überleben werden nur die Bewegtbildbereiche mit der größten Potenz.
Es ist unwahrscheinlich, dass die Werbetreibenden jetzt umschwenken. Neue Werbemodelle passen nicht in Zeiten einer Krise. Demnach müssen wir uns mit dem Klickwahn arrangieren.
Dass sich Qualität im Netz lohnt, ist nur ein feuchter Traum kopflastiger Vordenker der New-Media-Szene. Mit Schönheit allein ließen sich nur selten zu Lebzeiten offene Rechnungen begleichen.
Was wir brauchen, ist die Bereitschaft, den schmalen Grad zwischen journalistischem Anstand und gewollter Prostitution zu beschreiten. Wo ein hochwertiges Webvideo die Gemüter von Chefredakteuren und Verlagsmanagern besänftigt, müssen zehn andere Videos den Klick-Karren aus dem Dreck ziehen. Am Ende des Jahres entscheiden die Zahlen und nicht die Lobpreisungen aus der Chefetage über Budgets.
Der Sektor Webvideo ähnelt demnach dem kompizierten Mikrokosmos eines gesamten Nachrichtenportals. Eine Fotostrecke von Germany’s Next Topmodel ist journalistisch ein Griff ins Klo. Die Zugriffszahlen wischen aber die Tränen über die mauen Klicks aus dem Ressort Politik hinfort.
Wer sich Qualität im Netz leisten will, muss bereit sein, sich die Hände schmutzig zu machen. Dies fängt bei den Produktionsstandards an und hört bei der Themenauswahl nicht auf.
Für Webvideo bedeutet dies: Wenn wir überleben wollen, müssen wir eine Erfolgsformel finden, die journalistische Qualität, Produktionskosten und Kilckzahlen in Einklang bringt. Diese darf nicht in Stein gemeißelt sein und muss stetig auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden.
Eine allgemeingültige Zauberformel wird es ebensowenig geben. Jeder Video-Mikrokosmos ist einzigartig und bedarf einer eigenen Quotierung.
Vielleicht sichert uns dieser Weg das Überleben, bis neue Erlösmodelle dem Webvideo-Bereich neue Impulse aufzeigen.
(Dies ist ein Repost eines alten Blogposts vom 1. Juni 2009, als ich noch von WAZ-Geld leben musste. Einige Aussagen würde ich heute nicht mehr so tätigen.)
Videopunk - Anarchy in Web-TV Webvideos und die Zukunft des Bewegtbildes