Ihr solltet es Ernst nehmen - bevor es zu spät ist
- Edit
- Delete
- Tags
- Autopost
Journalisten sind vor allem dafür bekannt, Trends zu verschlafen und neue Entwicklungen erst dann zu adaptieren, wenn die Version 3.0 schon an die Türe des Betriebsrates klopft. Man darf es kaum laut sagen, aber beim Thema Webvideo irren die meisten Verlage und Sender wie Zombies durch die Steinzeit.
Ich erinnere mich noch an den ersten Webvideo-Boom. Damals, 2007, war Webvideo das heiße Ding in Journalismus-Deutschland. Es wurde viel investiert, weniger gewagt und leider noch weniger gewartet. Heute beschränken sich die Aktivitäten der Branche im Verteilen von Agentur-Videos auf dem Portal, halbmultimediale "Sonder-Specials" und, das wahre Verbrechen, im Verweigern der Zukunft, des Nachwuchses.
Ersparen wir uns an dieser Stelle die Plethora der üblichen Statistiken und Studien. Bewegtbild im Netz, und zwar abseits der traditionell-gefärbten Mediatheken, hat sich als Kommunikationsform in der Gesellschaft gleichwertig neben anderen Formen gesellt. Die Jugend von heute, sie SMSt nicht mehr nur, sie bewegtbildet sich zu.
Und wenn dann ein Jugendlicher sein mit Handy aufzeichnetes Video am Abend auf YouTube lädt, so beherrscht er mehr kommunikatives Handwerk, als sämtliche Zeitungs-, Radio- und sogar TV-Journalisten in seiner Stadt. Das ist nicht nur bedenklich, sondern gefährlich für einen Berufsstand, dessen Gewerbe sich mit "Medien" umschreibt.
Die Lösung für das Problem liegt peinlicherweise dort, wo am meisten gespart wird: bei der Ausbildung. Es genügt heute nicht mehr, Volontären oder gestandenen Journalisten den Umgang mit der Fernsehkamera zu zeigen. Es genügt nicht mehr, Videojournalismus als Allheilmittel für günstiges Bewegtbild im Netz zu propagieren. Und es reicht auch nicht, die Flip-Kamera jedem Interview-Partner unter die Nase zu halten. Laufen wir Journalisten weiterhin so behäbig unseren Nutzern hinterher, wird uns früher als uns lieb ist die Puste ausgehen.
Sowohl für die Produkt- als auch Inhaltsseite hat sich bei Webvideo viel bewegt. Heutzutage wissen wir, was die Nutzer sehen wollen. Und zwar auch, wie lange. Und wann. Und demnächst auch mit wem. Der Webvideobereich hat sich in den vergangenen drei Jahren hochgradig professionalisiert. Nun ist es an der Zeit, dass Medienhäuser das Thema Ernst nehmen. Bevor es zu spät ist.
