Gegen das Vergessen - unser Leben in einem Tag
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Menschen. Es geht nur um Menschen. Am Ende des Films sitzt ein junges Mädchen am Steuer ihres Wagens. 24 Stunden hat sie auf ihre Geschichte gewartet. Sie möchte nicht vergessen werden. Nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken. Deswegen, trotz Tränen in den Augen, lässt sie die Videokamera laufen.
Ihr taten es tausende Menschen gleich. Am 24. Juli 2010 dokumentierten sie ihr Leben. Und gaben ihre Videofragmente an YouTube weiter. Daraus strickte Regisseur und Oscar-Gewinner Kevin Macdonald einen der beeindruckendsten Dokumentarfilme der letzten Jahre.
"Das Leben in einem Tag" komprimiert tausende Geschichten aus 4500 rohen Stunden der Weltbevölkerung auf 94 Minuten Film. Clip für Clip reist der Zuschauer von Kontinent zu Kontinent, von Mensch zu Mensch. Die durch YouTube propagierte Clipkultur feiert in diesem Film ihren gesellschaftlichen Höhepunkt. Vermeintliche Belanglosigkeit wird hier zum Besonderen erhoben. Die erste Rasur. Der Alltag eines Kindes als Schuhputzer. Lichtblicke wie der kitschige Heiratsantrag, Schattenseiten wie die Duisburger Loveparade. Sie stehen Seite an Seite, werden Clip für Clip im Tagesrhythmus abgespult.
Niemals aufgeregt oder mit Effekthascherei belegt, versprüht der Film eben jenen Funken Hoffnung, der uns auch in schlechten Zeiten dem nächsten Tag entgegenfiebern lässt. Irgendwann im Film berichtet ein Familienvater von seiner verlorenen Angst vor der Krebserkankung seiner Frau. Er lächelt. Ein ehrliches Lächeln. Es wird für seine Familie ein Morgen geben. Zumindest den nächsten Morgen. Und diese Tatsache ist es wert, umarmt zu werden.
"Das Leben in einem Tag" treibt die Qualitäten eines Dokumentarfilmes in neue Höhen. Lebensausschnitte, die ohne Skript auskommen. Die Geschichten ohne Drehbuch erzählen. Dabei haben sie nichts weiter gemein, als am selben Tag erlebt worden zu sein.
Mehr als alles andere ist der Film ein Spiegelbild der sich wandelnden Gesellschaft. Er atmet die Geisteshaltung der vernetzten Menschheit. Er sprüht vor Leben. Vor ungeschminktem Leben. Das Mädchen in der Schlusseinstellung des Films möchte nicht vergessen werden. 24 Stunden hat sie auf ihre Geschichte gewartet. Und plötzlich ist es eben dies, was sie unsterblich macht. Den Eindruck von Belanglosigkeit nimmt jeder Mensch anders wahr. Jeder einzelne Mensch.
Update 01.11.2011 - der Film ist jetzt auf YT verfügbar
