Evolution statt Revolution: New York Times startet Web-Newssendung
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Hassen oder lieben: Im deutschen Web sind moderierte Nachrichtensendungen Mangelware. Zumeist aus gutem Grund: Zu altbacken, zu linear, zu unaktuell. Trotzdem hat die New York Times seit heute eine eigene Newssendung im Angebot. "TimesCast" mag keine Webvideo-Revolution sein, setzt aber an den richtigen Stellen an.
Aufbau
Die erste Sendung beginnt wie erwartet: Begleitet von einem Off-Text werden die Top-Themen angerissen. Während dieser Inhaltsangabe der erste Aufhorcher. Im Hintergrund füllt sich der Newsroom der NYT zum "Page One Meeting". Auffällig: Keine Moderation leitet in dieses Element über.
Die nächsten 1,5 Minuten werden Themen vorgestellt und kurz andiskutiert. So kann eine gläserne Redaktionskonferenz aussehen.
Erneut keine Moderation. Wechsel zum Element "The Round Up". Im Gespräch zwischen Senior Editor und Associate Managing Editor werden die Themen kurz aufgegriffen und mit Hintergründen unterfüttert. Eingeblendete Fotos verbildlichen die Themen, für leichten Bewegtbildcharakter sorgt der Ken-Burns-Effekt: Die Fotos "wandern" minimal durch das Bild.
Ohne Moderation geht es zum nächsten Element: Eingeleitet vom kurzen Obama-O-Ton (als Bewegtbild) wird per Fernseher eine White-House-Korrespondentin zugeschaltet.
Das letzte Element spielt mit dem anglo-amerikanischen Journalismus-Aufbau: Ein Senior Editor spricht mit seiner Business Reporterin über die Story. Gesamtlänge der Sendung: Knapp 6,5 Minuten.
Evolution
Zwar fungieren die NYT-Journalisten als Gesprächspartner untereinander, das klassische Element einer verbindenden Moderation entfällt aber völlig. Stattdessen sind die tatsächlichen News-Produzenten die Gesichter hinter den Geschichten.
Nahezu alle großen US-amerikanischen Verlagshäuser haben vor Jahren mit moderierten Sendungen experimentiert. Und diese nach branchenüblicher Schonfrist von maximal 2 Jahren ad acta gelegt. Ähnliches gilt auch für den deutschen Markt: Die beiden Branchen-Primusse Spiegel Online und Bild gaben ihren News-Sendungen kein langes Leben.
Re-Evolution
Das "Warum" der aufgewärmten Format-Idee liefert Denise Warren, Vize-Präsidentin der NYT:
"We will give viewers unprecedented access to the process; they will see reporters and editors, discussing the stories they are working on as they are reporting them, even before they appear in the paper and online."
Warren, in Personalunion auch Chief Advertising Officer, sieht mit dem Format sogar die Chance auf Geld am Werbe-Horizont:
"This series offers a new branding opportunity for advertisers, giving access to an engaged audience on the homepage and in multiple locations on the site and on mobile."
Zumindest für den Anfang scheint es zu klappen: Erster Sponsoring-Partner ist FedEx.
Fazit
Das Sendungsformat ist keine Revolution im journalistischen Webvideo-Bereich, sondern vielmehr eine Evolution. Ob das Format letztlich Erfolg haben wird, ist unwichtig.
Der Schritt, den eigenen Redakteuren eine Stimme und ein Gesicht zu verleihen, und somit journalistische Marken zu schaffen, war längst überfällig. Das konsequente Weiterverfolgen dieser Strategie ist für die NYT wichtiger als die reinen Video-Abrufzahlen. Die Strategie kann eine Strahlkraft entwickeln und sämtliche journalistischen Sparten, ob nun Online oder Print, ein Stück weit aus dem Schatten holen.
