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Anarchy in Web-TV

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Einfach nur Journalismus

Neulich war ich zu Besuch bei der ard.zdf medienakademie in Hannover. Zwei Tage sollte es um Social Media gehen. Gekommen waren rund 50 Redakteure nahezu aller Sendeanstalten. Junge, aber auch gestandene Radio- und TV-Profis. Manche mit Netz-Erfahrung, einige ganz internet-jungfräulich.

Sie wollten von uns Referenten lernen: Was bedeutet Social Media für unsere Arbeit, wie können wir Facebook und Konsorten nutzen?

Zwei Tage diskutierten sie, berichteten aus ihrem Arbeitsalltag, lernten Neues, schmissen Altes über Bord.

Doch was mich am Tiefsten beeindruckte: Diese vermeintlichen Journalismus-Beamten, sie sprachen freier, ja begeisterter über ihren Beruf, als ich es je gedacht hätte.

Warum?

Weil keine der Diskussionen bereits im Kern mit Schlagwörtern wie "Refinanzierbarkeit" und "Vermarktbarkeit" erstickt wurde. Ja, das GEZ-gefütterte System hat viele Fehler und bedarf einiger Überholungen. Aber wenn jemand nur einen einzigen Grund für den Erhalt dieses Systems sucht, er hätte ihn dieser Tage in Hannover gefunden.

Man/frau mag es nicht glauben, aber während dieser zwei Tage ging es tatsächlich um Inhalte. Um das Erzählen von Geschichten, das Aufbereiten von Informationen, das Abbilden von Wirklichkeit, das Erklären des Alltags. Kurz gesagt: Es ging um Journalismus.

Niemand ist nun so naiv, und erklärt die öffentlich-rechtlichen Sender für problembefreite Zonen, für Miniversen der Glückseligkeit. Auch bei der ARD werden Zahlen beäugt, und beim ZDF Projektkalkulationen durch Ausschüsse und Gremien gejagt. Das sogenannte "Evaluieren" gehört zum Redaktionsalltag dazu. Ebenso wie Politik. 

Ich hoffe, dass die Teilnehmer den einen oder anderen aufgeworfenen Gedanken in ihren Sendeanstalten verbreiten. Eines haben sie mich auf jeden Fall gelehrt: Journalismus ist keine Frage des Budgets, des Parteibuches oder des Arbeitgebers. Es ist und bleibt eine Frage der geistigen Haltung. Ja, das klingt geschwollen. Und trotzdem ist es keinen Pfifferling weniger wahr.

 

Im Projektblog gibt es Videos, Texte und Fotos von den Teilnehmern und den Referenten, u.a. Paul Bradshaw, Mercedes Bunz, Katie King, Jens Schröter ...

 

 

Veröffentlicht September 20, 2010
Sep 20, 2010
Weltentummler said...
Es besteht also noch Hoffnung für unser duales System - unter anderem dank dir. Danke dafür!
Sep 21, 2010
sodala said...
Was, bei den ÖRs arbeiten Journalisten? Keine geldgeilen, satten Parteibonzen mit Notizblock in der Hand, die mutwillig die bemitleidenswerten privaten Verleger um ihre sauer verdienten Werbeeinnahmen bringen wollen? Mein Gott, wer hätte damit gerechnet?
Auf SPON wäre am Anfang dieses Beitrags bestimmt gestanden "Wie der Spiegel exklusiv aus Teilnehmerkreisen erfuhr ..." ;)

-sodala