Der Spiegel-Verlag hat einen neuen Sender gestartet. Dabei möchte man mit "Spiegel.tv" nichts weiter als Web-TV auf eine neue Stufe bringen. Doch wie schlägt sich das Premium-Video-Portal?
Der erste Eindruck ist "groß". Der Seitenbesucher wird mit einem anderweitig unüblich großen Videoplayer begrüßt. Zweiter Eindruck: Die Bildqualität ist hervorragend. Auch wenn das meiste Material seine Fernsehherkunft nicht verleugnen kann. Die ersten beiden Eindrücke entstehen schnell - denn der Nutzer steigt direkt ins laufende Programm ein. Spiegel.tv hat sich dafür sogar eine Sendelizenz besorgt und möchte diesen Stream rund um die Uhr mit Inhalten bestücken. Diese kommen aus dem eigenen Hause - mit Online, SpiegelTV und den Digital-Töchtern gibt es genug Bewegtbildlieferanten.
Möchte der Nutzer nach einem bestimmten Videos suchen, wird er nicht fündig. Eine Suchfunktion bietet die Seite nicht. Stattdessen soll der Nutzer, angelehnt an das iPad-Konzept der Spiegel-App, über Themen navigieren. Dies funktioniert erstaunlich flüssig, wenn auch eine Suche zusätzlich nicht schaden könnte.
Mehr ist über Spiegel.tv eigentlich nicht zu sagen. Und das ist das größte Problem der Seite. Sie wirkt wie eine abgespeckte Mediathek der öffentlich-rechtlichen Sender. Die Videos lassen sich nicht auf anderen Seiten einbetten und ebenfalls nicht bei Facebook und Co. "liken". Zwar lassen sich einzelne Videos, auch aus dem Stream heraus, bei Twitter und Facebook als Link teilen. Eine Abspielmöglichkeit im Facebookstream bietet Spiegel.tv nicht an.
Die Stärke des Spiegel-Verlages, wie bei allen Verlagen, ist die Kombination von Textinhalten mit neuen Medien. Diese Stärke spielt Spiegel.tv nur schwach aus. Erst wer mit der Maus über den rechts unten gelegenen Button "Spiegel Online" fährt, erhält hier Links zum Webangebot des Nachrichtenmagazins. Bis auf diese Links findet leider keine inhaltliche Verknüpfung statt.
Werbung soll es geben, allerdings nicht als Pre-Roll, sondern nur als Mid-Roll nach frühestens drei Minuten. Das ist einerseits sehr löblich und nutzerfreundlich, gleichzeitig aber ein Experiment. Durch ihre Länge brechen die ex-TV-Beiträge mit den Nutzungsgewohnheiten im Netz. Zwar steigt die Nutzungsdauer von Bewegtbild in Deutschland kontinuierlich an. Laut comscore liegt diese bei 6,3 Minuten (April 2011). Inwieweit massenhaft lange Videos einen Platz im Netz finden, bleibt aber offen. 50 Prozent der gesamten Videoabrufe in Deutschland werden von YouTube generiert, Tendenz ebenfalls stark steigend. Hier liegt die durchschnittliche Nutzungsdauer weiterhin deutlich unter 6 Minuten.
Gänzlich unverständlich ist die Entscheidung und der zusätzliche Aufwand, mit einer Sendelizenz an den Start zu gehen. Warum asugerechnet im Internet ein neues durchlaufendes Programm geschaffen wurde, bleibt ein Rätsel. Wenigstens ist dieses "Feature" ein Alleinstellungsmerkmal am Markt, riecht aber allzu streng nach Bevormundung des Nutzers.
All diese Faktoren sind jedoch formeller Natur. Auch in inhaltlicher Hinsicht bietet Spiegel.tv keine Innovationen. Es wird aus dem Fernsehen syndiziert. Und selbst die Spiegel-Online-Beiträge sind, bis auf ihre Länge, altbacken.
Fazit: Zur Syndizierung aka Resteverwertung der TV-Produktionen ist Spiegel.tv sicherlich ein gewinnbringendes Video-Portal. Zumindest der Verlag dürfte sich aufgrund der starken Marke über zusätzliche Erlöse freuen. Aus Nutzersicht ist das Portal unaufgeregt erwartbar. Spiegel.tv spricht eindeutig eine nicht-digitale Masse an. Mit "Fernsehen der Zukunft" und Marktentwicklungen hin zu "Social TV" hat dies nichts zu tun. Inwieweit dies in Zukunft reichen wird, bleibt abzuwarten. Mich beschleicht aber das Gefühl, dass die Kunden von morgen von der Bevormundung der Seite nicht begeistert sind...
Update 13.20 Uhr: Auch hier ein böser Schnitzer - die mobile Nutzung wird anscheinend nicht gewünscht. Apple-Nutzer werden aufgefordert, sich Adobe Flash zu installieren. Immerhin gibt es den direkten Link zur Download-Seite...
Interessante Reaktionen gab's auf meine Kollegenschelte, insbesondere auf persönlichem Wege. Deswegen ist es besonders schade, dass ich aus Zeitgründen das Panel beim DJV absagen musste. Dort hätte ich nur allzu gern mit Qualitätsaposteln wie dem Video-Vertreter meines Ex-Arbeitsgebers diskutiert. Etwas scheint aber bis jetzt untergegangen zu sein: Ich bin weiterhin ein glühender Verfechter der journalistischen Alleskönner.
Man könnte es als Autoritätsproblem bezeichnen, ich nenne es gesundes berufliches Misstrauen: Ich habe Probleme mit Entscheidungen von Vorgesetzten, deren Bewegtbilderfahrung nicht über das Tragen eines Stativs hinausgeht. Neben der menschlichen Qualifikation definiert das Fachwissen- und -können den Akzeptanzgrad. Und hier sehe ich viele tiefsitzende Probleme in der deutschen Journalistengesellschaft. Ich kann keinen Print-Chefredakteur Ernst nehmen, der einem Bewegtbildmacher die Schnittreihenfolge glaubt, vorgeben zu müssen.
Nun muss niemand ein jahrelang ausgebildeter Video-Experte sein. Aber es sollte das grundsätzliche Verständnis für das Handwerk vorhanden sein. Zeitungsredakteuren mit eklatanter Rechtschreibschwäche bescheinige ich weiterhin nur geringe Karrierechancen. Journalismus ist ein Handwerk. Und wer dieses nicht beherrscht, sollte zunächst selbst lernen und dann erst lehren.
Deswegen bin ich für eine allumfassende Ausbildung von Journalisten. Kaum jemand wird in mehreren Gebieten Perfektion erlangen. Aber die meisten Aspiranten werden nicht mehr wie der Ochs vorm Berg stehen, wenn jemand mit Fachwissen eine profunde Entscheidung erwartet.
Mehr oder weniger schicke Brillen mit eingebauten Kameras gibt es wie Sand am Meer. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Keines der Produkte ist es auch nur annähernd wert, verlinkt zu werden. Mit Eyez könnte sich das ändern. Auch wenn die Brillenkamera noch in Entwicklung ist, steckt schon im Konzept das notwendige Quäntchen Magie: Livestreaming.
Die Spezifikationen der Brille sind noch nichtssagend: 720p, eingebautes Mikrofon, 8GB Speicher, der Akku ist platzsparend im Ohrenbügel untergebracht. Spannender wird es bei der Live-Integration: Mittels WiFi soll sich die Kamera mit Androids oder iPhones verbinden, von dort scheint es mittels eigener App in die weite Netzwelt zu gehen. Durch das telefoneigene 3G würde die Brille damit zum Dauersender - egal wann und wo.
Für Inhaltemacher öffnet sich eine ganz neue Spielwelt. Anders als hiesige Experimente wie "Looki Looki" mit Niels Ruf (mit 3min.de untergegangen), kann die Eyez ihre volle soziale Macht ausspielen. Wie sieht die Facebookwelt aus, wenn immer mehr Nutzer ihr Leben in Echtzeit verbildlichen? Wann sind wir noch privat und wann live und öffentlich im Netz? Werden Gespräche mit der besten Freundin demnächst einer Bühnenaufführung gleichen und die halbe Freundschaftsliste bewertet die Beziehungstipps mit Kommentaren? Webvideo ist, anders als Fernsehen, ein Dialogwerkzeug. Die Eyez könnte eben dieses Prinzip auf die Spitze treiben.
Die Eyez kann noch während der Entwicklung vorbestellt werden. Es wenn genügend Geld zusammen ist, wird die Kamera realisiert. Verantwortlich für die Kamera sind u.a. einige ehemalige Flip-Kamera-Entwickler.
So langsam platzt mir der gebügelte Kragen. Dabei sollte ich mich freuen: Immer mehr Kollegen haben Video für sich entdeckt. Leider scheinen sie dabei jedwede Professionalität in der Dorfkneipe vergessen zu haben. Es ist verwunderlich: Mieser Ton, verwackeltes Bild, keinerlei roter Faden und dennoch sollen diese Machwerke die untergehende Kaste der Informationsmittelmänner retten? Wohl kaum.
Beim gedruckten Wort gibt es keine Kompromisse. Wer nicht Rechtschreibung und Stil gefuttert oder zumindest in Griffweite hat, gilt als unfähig. Und das zu Recht: Wer kommuniziert, sollte zumindest das dafür notwendige Handwerk beherrschen. Für Bewegtbild scheint das nicht mehr zu gelten.
Und so tauchen Tag für Tag neue Bewegtbildunfälle bei Tageszeitungen auf. Auch so mancher Blogger hält sich nach dem Kauf einer Westentaschenkamera für den nächsten Spielberg. Die Prämisse "Weil-es-geht-mache-ich-es" hat jedes Gefühl für Qualität verdrängt.
Oft wird argumentiert, man müsse doch auf Augenhöhe mit dem XXXXX kommunizieren. Diese Ausrede basiert auf einem kapitalen Denkfehler. Nur weil viele Webvideos von mäßiger Qualität sind, entbindet uns dies nicht vom Streben nach Qualität. Übrigens ein Streben, welches seit Jahren Video-Communities wie YouTube nach vorne peitscht.
Viel zu selten wird in Redaktionen über eine neue Definition von Qualität gesprochen. Es braucht kein TV-Studio, keine teuren Schulterkameras, kein Rechenzentrum für die Produktion von Bewegtbild. Aber es braucht Handwerk und Leidenschaft. Nicht selten ist Letzteres der stärkste Antrieb für Ersteres. Ein iPhone (mit externem Mikro, eigenem Rig, spezieller Video-App, zusätzlichem Objektv und und und) als Handwerk zu bezeichnen, ist verlogen.
Beginnen wir mit den schlechten Nachrichten: Ich komme aus Zeitgründen weiterhin nicht mehr zum ordentlichen Bloggen. Und ich stelle mit sofortiger Wirkung meine Aktivitäten als unabhängiger Videoproduzent ein.
Die guten Nachrichten: Sämtliche Produktionsleistung bringe ich nun bei der Edelvideo-Schmiede Blinkenlichten ein. Aktuell läuft dort u.a. der "Elektrische Reporter" (ZDF) von der Werkbank. Ich werde in Zukunft wieder häufiger bloggen, u.a. auch im ZDF-Blog Hyperland. (Übersicht).
Die Planungen für die Deutschen Webvideotage 2012 (und damit Videocamp und Webvideopreis) laufen gut an. Damit sie in Zukunft noch besser laufen, haben Stefan Evertz und ich ein kleines Handschlag-Unternehmen gegründet. Unter dem Label Eventpunks organisieren wir Veranstaltungen, die nicht in das übliche Konferenzschema passen.
Mein geballtes Halbwissen werde ich in Zukunft verstärkt während Workshops und Seminaren unter das Volk bringen. Erwachsenenbildung 2.0.
Und jetzt: #Winning #Tigerblood
Manche Dinge brauchen: Zeit, den richtigen Moment und vielleicht auch etwas Mut. Jedenfalls ist es bald soweit. Der erste Webvideo-Kursus, der diesen Namen hoffentlich auch verdient, steht an.
Seit mehr als einem Jahr bilde ich Journalisten und PRler für den Umgang mit Webvideo aus. Meistens läuft es nach dem Schema F: Five-Shot-Regel, Interviewtraining, Schneiden in Premiere Elements. Standardprogramm bei Journalistenschulen und Medienakademien. Und leider, so meine Erfahrung, zunehmend an der Realität vorbei. Beim GIZ in Berlin habe ich Juni nun die Möglichkeit, neue Wege zu gehen. Statt mit einer Flip- oder einer alten DV-Kamera, drehen wir mit Webcams. Statt aufwändig gebauter Beiträge setzen wir auf Einfachheit. VIelleicht könnte man es Webcam-Journalismus nennen.
Für viele mag dieser Weg ein unaussprechliches Grauen sein. Wo ist der Journalismus? "Wir brauchen nicht noch mehr YouTube-Gurus!" Ich glaube, dass wir genau diesen neuen Ansatz brauchen, wenn Bewegtbildjournalismus in neuen Medien eine junge Generation erreichen will. Aus "Nachrichten" werden FYI. Aus "Unterhaltung" wird LOL. Aus "Blaulicht" wird OMG.
Wir werden sehen.
Es gibt vermutlich in der Medienbranche keinen schwammigeren Begriff als "Qualität". Dabei singen nicht zuletzt die Hohepriester der alten Medien in den üblichen Postillen ihr Lied vom Erhalt eben dieser. Ohne sich jemals auf einen gemeinsamen Refrain für alle Stimmen geeinigt zu haben, verpflichten sie nun das junge Genre der Webvideos zu den Chorproben.
Ich bin kein Freund erzwungener Standards und indoktrinierender Lehrbücher, vor allem wenn es um Webvideos geht. Das, was erfolgreiche Vertreter ausmacht lässt sich nur schwer in Regeln fassen oder in Schulungsplänen unterbringen. So ist es mit der oft besungenen mangelhaften "Qualität" von Webvideos. Wer will schon festlegen, was gut und schlecht ist? Trotzdem lohnt es sich, hinzuhören.
Erfolgreiche Webvideos tönen nicht, sie klingen. Sie zeichnen sich durch eben das aus, was Bohlen-Pop von Garagen-Rock unterscheidet: Das gewisse Etwas. Webvideos machen ist wie Jazz. Perfektion bis zu einem gewissen Punkt. Und sich dann fallen lassen.
Ebenso wie in der Musik lässt sich die technische nicht von der inhaltlichen Komponente trennen. Deswegen kann ich rein technischen Betrachtungen zur Thematik Webvideo nicht viel abgewinnen. Welche Kamera die perfekte Wahl für Webvideos ist, entscheidet in Medien-Utopia nur einer: Der Inhalt. Auch wenn wir nicht in einer Moreschen Berufswelt werkeln, sollte dieser Fokus nicht verloren gehen.
Ich mache seit nunmehr vier Jahren hauptberuflich Webvideos. Berichte mit der Flip-Kamera, Live-Reportagen mit dem Video-Smartphone, klassische VJ-Stücke mit einer DV-Kamera, Hochglanz-Look mit Video-DSLRs, Webcam-Interviews, Live-Talkrunden, mal als YouTube-Video, mal als TV-Hybrid, mal als Teil eines Multimedia-Pakets. Und trotz all dieser Experimente bin ich fast so klug wie nach zuvor.
Wenn Qualität bei Webvideos eine Adjektiv eingepflanzt werden sollte, dann muss es "subjektiv" sein. Die Frage des eigenen Geschmacks, das Erleben des Gesamtpaketes Video plus Audio gleich Bewegtbildgeschichte entscheidet. Und oft sind die eigenen Augen und Ohren die besten Ratgeber. Zumindest diese Strophe sollte sich jeder Medienmacher ins Gesangsbüchlein schreiben.
Nichts ist befreiender, als anderen die Schuld zu geben. Die Kritik an der re:publica 2011 reicht von Hasstiraden auf die Technik, Neidattacken auf die Veranstalter, fein säuberlich in Kritik an "Digitale Gesellschaft" verpackt, über mäßigen Inhalt bis zu schlechten Sprechern und mündet apokalyptisch im mangelhaften gesellschaftspolitischen Verhalten der ganzen Menschheit. Verblichene und Zukünftige eingeschlossen.
Wenn jemand Schuld verteilen möchte, dann doch bitte an uns. An diejenigen, die Teil der re:publica waren, sind und weiterhin sein wollen. Wir allein sind Schuld an der re:publica. Das müssen wir uns vorwerfen lassen, auch wenn es schmerzt.
Ich habe die re:publica immer als Gemeinschaftskonferenz verstanden. Ein Treffen, dessen Speaker sich aus den eigenen Gästereihen zusammensetzen. Dessen Helfer nach getaner Arbeit Besucher werden. Dessen Berichterstatter 80 Prozent der Gäste mit dem Vornamen begrüßen. Dessen Eintrittspreis im Vergleich zu jeder anderen Konferenz ein Taschengeld ist.
Manche nennen es "Klassentreffen". Ich finde den Begriff schrecklich, geht es doch hierbei nur um das Herumreichen erworbener Statussymbole. (Aus eigener Erfahrung: Ein Trend, der Dank Smartphones ungeahnte Kotzigkeit erreicht hat.) Auf der re:publica kennt man sich, weiß ziemlich genau, was der oder die gerade macht. Gleichzeitig vermittelt "Klassentreffen" dieses unbestimmte Gefühl, jeder Konfrontation aus dem Weg gehen zu müssen. Der alten Zeiten zuliebe.
Und hier haben wir alle versagt. Was geht: Wir gestalten das Programm, wir führen die Diskussion, wir packen selbst mit an. Ein Stück Barcamp in Konferenzistan. Dazu gehört auch, den Mund aufzumachen. Und zwar vor Ort.
Wir allein sind Schuld an der re:publica. Aber vielleicht schmerzt es nächstes Jahr nicht mehr, diesen Satz zu sagen. Ganz im Gegenteil.
(Werbung an)
Als kleines verbloggtes Intermezzo: Wer an vielen cleveren Gedanken zu modernem Journalismus interessiert ist und dann noch einen etwas längeren Text von mir zu Webvideos lesen möchte, der zücke bitte das Portmonee und kaufe:
"Universalcode"
Das Buch ist ein gemeinsames Projekt von zahlreichen geschätzten Journalistenkollegen aus allen Bereichen. Ein "Namedropping" und viele weitere Infos gibt's bei einem unserer Herausgeber, dem werten Christian Jakubetz.
(Werbung aus)
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