Wie viel Geek darf's denn sein? Wenn ich mir die Pilotausgabe der deutschen "Wired" anschaue, kann die Antwort nur negativ ausfallen. Bevor jetzt ein Verriss an dieser Stelle vermutet wird: Ich finde die Knüwersche Testversion trotzdem äußerst gelungen.
Geek-Deutschland hat ein Kleinod mehr. Zumindest für eine kurze Weile. Dass die deutsche "Wired" mir nur digital als iPad-App ins Haus kommt, ist meiner Vorliebe für die US-App gechuldet. Und meiner Verachtung für die GQ. Technisch gibt sich die hiesige Download-Variante dann auch nicht viel anders, als das US-Pendant. 663 MB müssen heruntergeladen werden, bevor der multimediale Spaß los geht. Einziger Unterschied: Ich kaufe für 2,99 keine Ausgabe, sondern die App.
Und ja, ich schreibe bewusst Spaß. Denn mir hat das Erleben der deutschen digitalen Wired durchaus Freude bereitet. Die vielen kleinen Spielereien, die videoalen Gimmicks, das Look and Feel 2011 sind mir näher, als totes Holz in Scheibchen.
Ein paar Dinge sind mir dann doch sauer aufgestoßen. Ich finde die Themenauswahl gelungen, manche Texte hingegen zu lasch. Manchmal fehlt das elegische der englischsprachigen Ausgaben, an anderer Stelle der Rotz und die Frechheit, generell die Luftigkeit und Unbeschwertheit. Wired ist für mich ein Geek-Magazin, von Geeks für Geeks. Nicht so in Geek-Deutschland.
Im videoalen Bereich hätte ich mir etwas mehr Experimentierfreude gewünscht. Hey, das ist die Wired und nicht ein Regionalportal.
Ein absolutes No-Go ist die Promo-Story "Elektrisch und elektrisierend". Auf der Titelseite als "Das Ende des Autos - wie wir es kennen" angepriesen, versteckt sich dahinter eine getarnte BMW-Werbung. Der notwendige Hinweis "Anzeige" verkümmert schwer auffindbar im oberen rechten Bereich der ersten Artikelseite. Alles in allem zieht sich die Geschichte über 5 iPad-Seiten. Ohne Werbung geht es nicht. Aber das ist zu dreist.
Bevor ich jetzt weiter auf hohem Niveau meckere, bleibt festzuhalten: Ich habe das Magazin von vorne bis hinten gelesen und mich nicht gelangweilt. Nein, gar sogar manchmal gelächelt, gestaunt und mich geärgert. Und das ist 1000mal mehr, als jedes andere Magazin derzeit in Deutschland schafft.
(Hinweis: Ich arbeite hin und wieder mit Wired-Chefmaestro Thomas Knüwer zusammen und einige der Wired-Schreiber- und Redakteure sind Autoren beim Elektrischen Reporter, den ich redaktionell mitbetreue.)