De-regulierter Rundfunk

Fürs Hyperland-Blog beim ZDF habe ich mal kurz aufgeschrieben, wie so die Zukunft des Rundfunks in Deutschland aussehen könnte. Weil: Die Medienanstalten sind mit der Gesamtsituation eher unzufrieden und beraten derzeit über eine Empfehlung, das ganze System doch kurzfristig zu kippen. Übrigens mag das im Hyperland-Text etwas sehr nach Konjunktiv klingen, dem ist aber nicht so. Kurz gesagt: Livestreaming (also quasi TV im Netz) könnte gesellschaftsfähig werden. Und damit noch mehr Businessmodell als jetzt.

 

Was bedeutet denn eine extreme Vereinfachung der Regulierung für den Otto-Normalbürger? Nach jetzigem Kenntnisstand kann Maurers Willi demnächst rund um die Uhr vor der Webcam sitzen, über seinen Schalker Karnevalsverein schwadronieren und damit eine Million deutsche Fußballfans an den Monitoren auf die Palme bringen. Das bedeutet: Die künstlich noch aufrecht erhaltene Monopol-Stellung der (privaten) TV-Sender als Masseninformationsmedium bricht endgültig zusammen.

 

Über das Livestreaming-Thema diskutieren wir übrigens an diesem Wochenende auf dem Videocamp in Berlin (u.a. mit Christoph Keese, Michael Praetorius, Christoph "Clixoom" Krachten, einem Kollegen der Gameliga ESL und mir, angeblich möchten gewisse Nasen wie Sascha Pallenberg, ein paar Kollegen von BILD.de und Co. auch vorbeikommen. Nein, Schlägereien sind NICHT erwünscht auf einem Barcamp).

Warum das Fernsehen aussterben wird

Nein, das ist nicht übertrieben. Und nein, ich wiederhole mich da gern. Das deutsche Fernsehen hat ein Problem: Das sind die Macher selbst. Wenn jemand einen Beweis dafür gesucht hat, dass TV ein überholtes Medium ist, möge er bitte folgenden RTL-Beitrag anschauen.

Mal vom üblichen RTL-Duktus und den handwerklichen Unzulänglichkeiten abgesehen, strotzt der Beitrag nur so vor Selbstherrlichkeit und Arroganz - und ignoriert eine ganze Generation an Menschen und das, was ihnen wichtig ist. Diese Ignoranz trifft nicht nur die Gamer - welcher Webvideo-Macher wird denn von den Sendern akzeptiert und nicht in die "Billigheimer"-Ecke geschoben?

Es ist noch ein langer Weg, bis dieser Kulturkampf beendet ist. Zumindest bin ich mir sicher, dass Kollegen wie bei RTL nicht zu den Gewinnern gehören werden.

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Ich spare mir weitere Worte und verweise auf den sehr treffenden Text von GameOne-Spezialagent Daniel Budiman.

UPDATE!

Das Antwort-Video von GIGA.

 

UPDATE 2!

Die Originalbeiträge werden von RTL auf YouTube im Akkord gesperrt. Einfach nach "Gamescom" und "RTL" suchen, um fündig zu werden.

Quelle: YouTube

Wer kennt es nicht: Im Fernsehen wird mal wieder ein Video-Clip aus diesem Internet gezeigt. Und weil es manche Redaktionen nicht so genau mit der Quellenangabe nehmen, freut sich ein gewisser Urheber namens "Internet" über die Namensnennung. Digital angehauchte Journalisten lassen sich gar zu einer feingliedrigen Benamung hinreissen: Dann wird aus dem "Internet" schnell ein "YouTube". Dummerweise ist beides nicht korrekt und verstößt gegen das deutsche Urheberrecht.

Wenn es um Urheber- und Nutzungsrechte geht, springen deutsche Medienunternehmen ganz schnell von ihren Empörungsstühlen. An die eigene Nase darf nicht einmal der HNO-Arzt packen, Fehltritte sind dennoch an der Tagesordnung. Prominentestes Beispiel im Webvideo-Bereich: Die Videos von YouTube.

Dabei hat die Google-Tochter die Nutzung für Medien klar geregelt. Da keine deutsche Redaktion anscheinend bis jetzt den Pressebereich des Videoportals gefunden hat, ein Blick in diese Halle der Weisheit:

Unter dem Punkt "YouTube für Medien" heißt es:

 

Erneute Ausstrahlung von Videos

Richtlinien zur Einbettung von YouTube-Content in eine Show


  • Erwähne den Content-Eigentümer. Obwohl YouTube eine Lizenz zur Verbreitung des Contents, ist der YouTube-Nutzer der Eigentümer des Contents. Wenn du ein Video verwenden möchtest, empfehlen wir, den Nutzer direkt zu kontaktieren und einen entsprechenden Hinweis anzugeben, indem der Nutzername oder der echte Name des Nutzers angezeigt wird.
  • Erwähne YouTube beim erneuten Senden des Videos. Wenn du ein YouTube im Fernsehen zeigst, achte darauf, dass YouTube erwähnt und ein entsprechender Hinweis zu sehen ist. Wir haben das offizielle YouTube-Logo hierfür zum Download zur Verfügung gestellt.

 

 

Dahinter verstecken sich zwei rechtliche Aspekte:

 

Das Urheberrecht liegt nicht bei YouTube, sondern (zumindest auf den ersten Blick) beim jeweiligen YouTube-Nutzer, der das Video hochgeladen hat. Für eine weitere Auswertung bedarf es eben dieser Zustimmung des Nutzers.

Das Nutzungsrecht liegt bei YouTube, deswegen muss auch YouTube erwähnt werden. Die Fraktion "Quelle: Internet" hat an dieser Stelle leider schon verloren und darf direkt in die Kabine zum Duschen gehen.

 

Nun ist YouTube ein (jugendlich geprägtes) soziales Netzwerk und nicht jeder Nutzer antwortet auf private Nachrichten von fremden Personen. Für diesen Fall weiß auch YouTube keine Lösung, empfiehlt aber:

Was passiert, wenn ich von dem Nutzer keine Rückmeldung erhalte?

Wir ermutigen dich, Nutzer zu kontaktieren. Letztendlich sollten deine Redaktionsrichtlinien dir Hinweise darüber geben, ob ein direkter Kontakt zu Nutzern vor der erneuten Ausstrahlung von Videos erforderlich ist.

 

Der schwarze Peter liegt also weiterhin bei den Redaktionen - zu Recht! Dies geschieht übrigens nicht nur aus Schutz dem Urheber gegenüber, sondern auch aus einfachen presserechtlichen Überlegungen. Die Echtheit eines Videos lässt sich nicht ermitteln, wenn kein Kontakt zum Urheber möglich ist. Wessen Redaktionsrichtlinien keine Quellenprüfung vorsehen, sollte vielleicht lieber den Job in den Medien mit dem eines Geldwäschers tauschen.

 

Für manche Redaktionen bedeutet diese Regelung, auf Videos verzichten zu müssen. Denn selbst für das wacklige deutsche Zitatrecht ist ein eindeutiger Urheber erforderlich.

In Schönheit sterben

Mit journalistischen Webvideos Gewinne einzufahren ist unrealistischer, als mit Alpha-Blogs ordentliche Umsätze zu generieren. Hätte der Elektrische Reporter nicht unsere GEZ-Gebühren in der Hosentasche, würde es in Marios Videoschmiede schnell dunkel werden. 30000 Abrufe in der Woche sind beachtlich - und zugleich betriebswirtschaftlich katastrophal.

 

Die Unsitte, Webvideos nach nicht standardisierten Abrufen zu bezahlen, wird spätestens nächstes Jahr bei den meisten Video-Teams in Zeitungshäusern zu einer schmerzhaften Penektomie führen. Überleben werden nur die Bewegtbildbereiche mit der größten Potenz.

 

Es ist unwahrscheinlich, dass die Werbetreibenden jetzt umschwenken. Neue Werbemodelle passen nicht in Zeiten einer Krise. Demnach müssen wir uns mit dem Klickwahn arrangieren.

 

Dass sich Qualität im Netz lohnt, ist nur ein feuchter Traum kopflastiger Vordenker der New-Media-Szene. Mit Schönheit allein ließen sich nur selten zu Lebzeiten offene Rechnungen begleichen.

 

Was wir brauchen, ist die Bereitschaft, den schmalen Grad zwischen journalistischem Anstand und gewollter Prostitution zu beschreiten. Wo ein hochwertiges Webvideo die Gemüter von Chefredakteuren und Verlagsmanagern besänftigt, müssen zehn andere Videos den Klick-Karren aus dem Dreck ziehen. Am Ende des Jahres entscheiden die Zahlen und nicht die Lobpreisungen aus der Chefetage über Budgets.

 

Der Sektor Webvideo ähnelt demnach dem kompizierten Mikrokosmos eines gesamten Nachrichtenportals. Eine Fotostrecke von Germany's Next Topmodel ist journalistisch ein Griff ins Klo. Die Zugriffszahlen wischen aber die Tränen über die mauen Klicks aus dem Ressort Politik hinfort.

 

Wer sich Qualität im Netz leisten will, muss bereit sein, sich die Hände schmutzig zu machen. Dies fängt bei den Produktionsstandards an und hört bei der Themenauswahl nicht auf.

 

Für Webvideo bedeutet dies: Wenn wir überleben wollen, müssen wir eine Erfolgsformel finden, die journalistische Qualität, Produktionskosten und Kilckzahlen in Einklang bringt. Diese darf nicht in Stein gemeißelt sein und muss stetig auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden.

 

Eine allgemeingültige Zauberformel wird es ebensowenig geben. Jeder Video-Mikrokosmos ist einzigartig und bedarf einer eigenen Quotierung.

 

Vielleicht sichert uns dieser Weg das Überleben, bis neue Erlösmodelle dem Webvideo-Bereich neue Impulse aufzeigen.

 

(Dies ist ein Repost eines alten Blogposts vom 1. Juni 2009, als ich noch von WAZ-Geld leben musste. Einige Aussagen würde ich heute nicht mehr so tätigen.)

Diskussionsrunde "Was ist künftig Rundfunk?" auf dem Videocamp Berlin

Als Organisatoren des Videocamps Berlin wissen Stefan Evertz und ich: Feste Programmpunkte gehören auf eine Konferenz und nicht auf ein Barcamp. Folgende "Session" finde ich aber spannend genug, sie jetzt schon zur Abstimmung zu stellen bzw. sie vorzustellen:

 

Die Diskussion um "Livestreaming" im deutschem Web hat vor einigen Wochen aufgrund meines Artikels beim ZDF für große Wellen in der Medienbranche gesorgt. Irgendwann kam es dann zur öffentlichen Debatte mit Springer-Cheflobbyist Christoph Keese. Bevor die Geschichte dann in die Urheberrechtssiedlung umzog. Und damit das Thema ungeklärt offen blieb. Wie muss denn Rundfunk in Zukunft aussehen?

 

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Das möchten wir auf dem Videocamp am 3. und 4. September in Berlin beantworten.

 

Hierzu könnte es am Samstag eine Podiumsdiskussion geben, deren Teilnehmer schon ihre Zusage gemacht haben.

- Christoph Keese (Konzerngeschäftsführer Axel Springer AG)

- Michael Praetorius (Publizist, hat 2010 Twitter als Rundfunk anmelden wollen)

- ein Vertreter der Medienanstalt Berlin-Brandenburg  (abgesagt)

- meine Wenigkeit

- ein weiterer Medienvertreter mit Erfahrungen im Livestreaming-Bereich

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Ein Buch für YouTube

Ich muss gestehen, ich habe lange sehr gespannt darauf gewartet: Das "YouTube"-Buch ist aber nun endlich erschienen. Und entpuppt sich als gelungenes Handbuch für Anfänger im Bewegtbildbereich - und zwar nicht nur für Webvideo-Freunde.

Von der richtigen Technik, über den Bildaufbau bis hin zu YouTube-spezifischen Grundlagen, wird so ziemlich alles abgedeckt, was der Newbie braucht. Dass die Zielgruppe des Buchs tatsächlich eher jung und YouTube-affin ist, zeigen die eingestreuten "Kanal-Kapitel". In diesen werden bekannte deutsche YouTube-Kanal aus dem Jugendbereich vorgestellt.

Etwas Gemecker muss sein: Ich vermisse tiefer gehende Kapitel über Storytelling, Distributionsstrategien, statistische Erkenntnisse und Hilfestellungen zu Formatkonzepten. Aber das ist auch nicht Ziel des Buchs - es geht um Anfänger. Und diesen sei das Werk wärmstens ans Herz gelegt.

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