Das YouTube-Manuskript

YouTube meint es Ernst damit, die Bewegtbildwelt erobern zu wollen. Nicht nur steigen die Abrufe stetig in neue Rekordhöhen, auch der Content an sich wird zunehmend professioneller. Um diesen Trend weiter zu forcieren, hat sich die Videoplattform etwas Neues einfallen lassen: Im kostenlosen "YouTube Playbook" (auch als pdf zum Download) stehen auf starken 70 Seiten genau die Webvideo-Tricks, die wirken.

Dabei ist dies kein Marketing-Blabla oder Agentursprech: Das Playbook beschreibt in einer Mischung aus Hand- und Drehbuch, wie optimale Webvideos produziert aber auch distribuiert werden. Angefangen vom Kickstart (die ersten 15 Sekunden) bis hin zu Metatags und SEO-Strategien. Das alles verständlich und vor allem einleuchtend. Ich schreibe bewusst Webvideo, da sich bis auf die YouTube-spezifischen Dinge alle anderen Tipps auf anderweitige Webvideos beziehen lassen.

Die vergebene Chance

Mit viel Selbstbewusstsein hat die WAZ heute ihr Multimedia-Spezial lobgepreist. Doch die virtuelle Bibliothek zum Thema "PCB-Skandal durch Envio" ist nur ein trauriger Versuch, modernen Journalismus ins strauchelnde Dickschiff an der Friedrichstraße zu bringen.

Eine stilisierte Stadtkarte Dortmunds (siehe Screenshot), etliche nummerierte Wegpunkte, der erste Eindruck wirkt vernünftig. Doch bereits nach den ersten unkoordinierten Schritten durch die digitale Bibliothek schmerzen die Füße. Warum lande ich beim Klick auf die Nummer 18 (symbolisiert durch ein Boot) beim Stichwort Korea? Warum sitzt die Staatsanwaltschaft (Nummer 8) unter freiem Himmel neben grüner Baumlandschaft? Oder liegt es nur an meiner mangelnden Ortskundigkeit als Essener, dass ich mich inhaltlich in der Dortmunder City verlaufe? 

 

Kein Storytelling

 

Was dem Spezial fehlt, ist ein roter Faden. Einer, der über das simple Durchnummerieren der Wegpunkte hinaus geht. Es genügt heute nicht mehr, den Nutzer jeden Schritt der Geschichte vorzugeben. Und es hat noch nie dazu gereicht, komplizierte Informationen zu vermitteln. Denn auch hier hakt das Spezial. Die informativen Texte werden lieblos als Bleiwüsten präsentiert, Zwischentitel und Verlinkungen im Text Fehlanzeige. Stattdessen findet der Nutzer das übliche Standardpaket biederen Journalismus: Immer wieder Fotos, viele Originaldokumente zum Download, hin und wieder Videos. Alles garantiert schön IVW-verpixelt. Mit dieser Art Journalismus darf der Leser Dank schlechter Nutzerführung aber gleichzeitig für große Klickzahlen leiden.

Ein ebenfalls fragwürdiges Erlebnis sind die Videos. Bis zu 15 Minuten lang, mit derartig vielen handwerklichen Fehlern, dass selbst einem 15-jährigen Neu-YouTuber eine Veröffentlichung zu peinlich wäre. Das Niveau liegt noch weiter unter Lokalfernsehen. Von Webtauglichkeit ganz zu schweigen. Und für Off-Texte im BILD-Stil ("Sonst helfe ihnen niemand. Dabei sind die Männer krank. Das Gift - es wirkt".) ist die WAZ mittlerweile berühmt-berüchtigt.

 

Fragenkatalog (anno 2007)

 

Derlei grobe Schnitzer gibt es in allen Bereichen viele. Und noch mehr Fragen, die 2011 einer Online-Redaktion nicht mehr gestellt werden sollten.

Warum gibt es keinen Zeitstrahl, der die Ereignisse übersichtlich zusammenfasst? Warum fehlt jegliche Einbindung von Social Media? Ich kann selbst das gesamte Spezial nicht "liken" oder einfach per Twitterbutton verbreiten. Warum dürfen die Nutzer nicht von ihren Ereignissen berichten? Und zwar nicht irgendwo, sondern genau hier beim Spezial. Das ist insbesondere sehr schade, weil die Kollegen bei DerWesten ansonsten zu den Vorzeigejournalisten im Bereich Social-Media gehören.

 

Fazit

 

All diese Fehler könnte der Nutzer übersehen, wenn er denn wenigstens eine Sache für sich mitnehmen würde: Einen wirklichen Mehrwert im Vergleich zu den selbigen Inhalten z.B. auf DerWesten.de. Doch warum fehlt eben jenes Element, das mir die Zahlenkolonnen verständlich erklärt, Zusammenhänge visualisiert - wo steckt auch nur ein Hauch von Datenjournalismus im Spezial? Dass im Jahre 2011 die größte Regionalzeitung Deutschlands noch immer nicht verstanden hat, dass Online-Journalismus keine Abladestation ist, spricht Bände. Nur leider verkommt diese virtuelle Bibliothek damit zum verstaubten Museum.

 

Disclaimer: Ich war bis Ende März 2010 bei DerWesten.de als Ressortleiter Video beschäftigt.

Hallo mal wieder, Herr Keese

Leider ist unsere öffentliche Diskussion vergangene Woche ins Stocken geraten. Nachdem Sie jetzt Ihren Ablassbrief unterzeichnet haben, können wir vielleicht wieder sachlich über das Thema "Livestreaming" reden. Denn ich finde, wir können gar nicht genug darüber reden. Bewegtbild im Netz wird mittelfristig zum bestimmenden Kommunikationsmittel im und außerhalb des Internet werden.

In unserem langen Telefonat am Freitag haben Sie vorgeschlagen, wir mögen doch Diskussionen in Zukunft über die eigenen Blogs führen. Dies würde die Übersichtlichkeit erleichten. Wohl an.

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Willkommen in der Video-Parallelgesellschaft

Ich, wir alle, haben versagt. War es doch unser Ziel, die Gräben zu verschütten, Brücken zu bauen, Wege aufzuzeigen. Nach mehr als drei Jahren Bewegtbildaktivismus sieht die Bilanz verheerend aus. Fernsehen und Webvideo verschmelzen nicht zu einem konvergenten Medium. Die Differenzen sind größer denn je. Längst ist Bewegtbild eine zersplitterte Kulturtechnik, Dialog ein Fremdwort geworden.

Ich habe große Achtung vor den Experimenten hiesiger Fernsehsender. Versuchen doch vor allem die öffentlich-rechtlichen eben jenen schwierigen Spagat zwischen Netz und Flimmerkiste aufs Parkett zu bringen. Eperimente wie der Hybrid-Krimi Dina Foxx im ZDF zeugen von dem Willen, sich zu wandeln. Doch kann kein noch so starker Wille die Realität verbiegen: Der Nutzer geht diese Entwicklung nicht mit.

Blicken wir der Wahrheit ins rot funkelnde Auge: Der größte Teil der Generation "Fernsehen" wird sich niemals mit der Bewegtbildkultur des Netzes anfreunden. Auch auf der anderen Seite des Nutzungsverhaltens herrscht wenig Gegenliebe. Wer heute ohne Tagesschau, Wetten dass und stupide Gerichtsshows sozialisiert wird, der wandert in Massen auf andere Kanäle. Spartenangebote wie das gelungene ZDFKultur sind dabei dennoch nichts weiter als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Beide Seiten wollen nicht miteinander reden

Es war kurz vor dem Medienforum.NRW, als ich einen Anruf von den Machern erhielt. Man wünsche sich eine Art Kamingespräch mit einem echten TV-Urgestein, einem Schwergewicht wie Helmut Thoma. Ihm gegenüber sollte dann ein junger Vertreter der Generation "YouTube" sitzen - nicht älter als 20 Jahre. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Das Kamingespräch - als Überraschungshighlight des medienforums geplant - fand mangels passender williger Kandidaten nicht statt.

Was hätten diese beiden Archetypen der Medienwelt auch zu besprechen gehabt?

Ich glaube, manchen Medienmachern ist immer noch nicht bewusst, welche gravierenden Auswirkungen die rasend schnelle Demokratisierung der Produktionsmittel auf unsere Wirklichkeit haben wird. Mit welcher Geschwindigkeit die Innovations-Meteoren täglich neue Löcher in die verkustete Oberfläche bestehender Medienstrukturen schlagen. Das ist nicht mit jährlichen Studien messbar, das ist nur am eigenen Verhalten erlebbar.

Entweder wir akzeptieren, dass es mediale Parallelgesellschaften gibt. Oder wir verschwenden weiterhin wertvolle Ressourcen auf ein falsches Ideal von Harmonie. Und das zu einer Zeit, in der jede Minute zählt.

 

(Anmerkung: Ich arbeite unter anderem für das ZDF)