Große Bilder ohne Seele
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Kaum ein ambitionierter Filmemacher verzichtet heutzutage auf diesen vielgehypten Filmlook, diese brutalst mögliche Schärfentiefe, die Video-DSLRs und neue Profikameras liefern. 35mm für Jedermann, die Edeloptik wird zur Fließbandware. Dokumentatorische Beiträge verlieren dagegen ihre Seele.
Der Kameramann Hans Albrecht Lusznat hat die Misere auf den Punkt gebracht:
Den Dokumentarfilm auf Kino-Look zu trimmen, das ist lediglich der Versuch, mit polierter Oberfläche das Publikum einzufangen — dokumentarischer und in der Substanz besser, wird der Film dadurch nicht. Im Gegenteil: Er entrückt dadurch nicht nur visuell in Richtung Unterhaltungsindustrie.
Ich selbst nutze besagte Video-DSLRs seit nunmehr zwei Jahren fast ausschließlich. Es ist eben dieser Gadgetwahn, diese unentdeckte Land, das den großen Reiz ausmacht. Doch nach zwei Jahren Hollywood-Look frage ich mich: Sind die Beiträge besser geworden?
Lassen wir für fünf Minuten außer Acht, dass wir alle diese filmische Optik lieben. Wir Filmemacher sind mit Hollywood sozialisiert worden, wir streben - auch unbewusst - nach dem Walk of Fame. Doch wenn die Technik den Inhalt bestimmt, sollten Journalisten aufhorchen.
Für den dokumentatorischen Einsatz sind die 35mm-Lookies nicht geeignet. Zu sperrig im Handling, zu unnatürlich das Ergebnis, zu zerstörend der notwendige Drehaufwand. Gestellte Situationen profitieren von der Politur, ein Abbild der Realität stellen sie nur bedingt dar. Die Wirklichkeit ist halt kein Abziehbild in Bonbonfarben und träumerisch verschwommenen Hintergründen.
Ich vermisse die Ehrlichkeit in den Bildern. Die Zeiten, als eine Kamera noch gut genug sein durfte. Als das "Dabei-Gefühl" wichtiger als die Schärfentiefe war. Wir haben die Authentizität gegen den billigen Hochglanz eingetauscht.
Einer meiner Lieblingsfilme ist "Primary" des US-Amerikaners Robert Drew, ein Wegbereiter des Direct Cinema (für Andersgläubige: cinéma vérité). Ein starkes Stück Dokumentation über den Wahlkampf zwischen John F. Kennedy und Hubert Humphrey. (zu kaufen als US-Import auf DVD)
Dieser Film, wie viele andere Dokus in den 1960ern, revolutionierte das journalistische Arbeiten mit Bewegtbild. 50 Jahre später scheinen wir diese Tugenden und handwerklichen Kniffe verdrängen zu wollen. Dabei erlebt das Direct Cinema durch Webvideo eine ungeahnte Renaissance. Nicht mehr die Technik steht im Vordergrund, sondern die Unmittelbarkeit des Augenblicks. Mit Fehlern und unverfälschten Bildern.
Vielleicht sollten wir häufiger einen Schritt zurückweichen, die Technik nur als notwendige Übel wahrnehmen und statt Bildern mehr Seele sprechen lassen.
(Danke an @vivalamovie für den Link)
