Nun wird es also ernst. Nicht mehr ganz so lange, und die 25 Seiten müssen abgeliefert werden. 25 Seiten für ein Buch über "neuen Journalismus" und was Webvideos damit zu tun haben. Und damit ist die Zeit gekommen, etwas zu reflektieren. Und wo ginge das besser, als im Blog?
Am Anfang steht die Definition. Gewissermaßen die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Antwort auf die schwierige Frage: Was sind Webvideos überhaupt?
Zum Einen sind Webvideos weiterhin Bewegtbild. Also diese Stücke, die im Fernsehen seit Jahrzehnten hoch und runter laufen. Und doch steckt mehr dahinter. Das Internet zwingt uns förmlich dazu, die bestmögliche Erzählweise für eine Geschichte auszuwählen. Das mag manchmal Text sein, ein Foto oder eben ein Video. Dieser Drang nach Medienkonvergenz geht noch weiter: Gute Webvideos müssen ins Netz passen. Müssen sich den geänderten Nutzungsgewohnheiten beugen, noch zielgerichteter das Publikum ansprechen und oben drauf die eigenen Fesseln abstreifen und zu einem Dialogmedium werden.
Womit wir bei den Gedanken sind:
1. Webvideo ist nicht WebTV
Diese Erkenntnis reift zusehends auch bei gestandenen Fernsehmachern. Weil ihre Werke im Netz nicht funktionieren. Entweder zu lang, falsch aufgebaut oder schlichtweg falsch kommuniziert. Bei aller Freiheit in der Gestaltung von Bewegtbildern im Netz sind einige Rahmenbedingungen einzuhalten. Zugegeben: Das war vor ein paar Jahren noch nicht der Fall. Wir haben frei ins Blaue produziert und experimentiert. Das ist zwar weiterhin nötig, doch die Parameter im Labor sind Dank erster aussagekräftiger Studien nun deutlich sichtbarer.
2. Authentizität ist alles?
Das war vielleicht vor ein paar Jahren noch so. Möglichst authentisch wirken, auch im Journalismus. Eine verwackelte Kamera hier, etwas unsauberer dort und schon sind wir Journalisten auf Augenhöhe mit unseren Websehern. Die Idee hat nicht gezündet. Einfach weil die Webseher nicht dumm sind. Sie verfügen über das, was ich "angeborene Medienempathie" nenne. Sie riechen sehr schnell den Braten, wer unehrlich handelt, kriegt irgendwann die Macht des Netzes zu spüren. Wie also vorgehen? Mit Transparenz. Webseher scheuen sich nicht davor, Hintergründe zum Video aufzusaugen. Entweder paralel zum Video oder über den journalistischen "long tail" - über das Gesamtwerk des Autors.
3. Wie viel Unterhaltung darf's sein?
Dieser Punkt bereitet mir am meisten Kopfschmerzen. Das Netz ist ein Aufmerksamkeitsschlachtfeld. Schnarchige Videos, selbst mit der wichtigsten Nachricht des Jahrhunderts, haben es schwer im Netz. Bewegtbilder leben von ihrer Geschichte. Ob nun klassisch griechisch aufgebaut, oder extravagant im New-Hollywood-Stil. Die größte Gefahr des Journalismus führt dazu, vor lauter Erzählen das Informieren zu vergessen. Und nicht selten werden dann aus Geschichten kleine Märchen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Informationen im Netz nur mit einer gerüttelten Portion Unterhaltung transportiert werden können, zumindest für einen Großteil der Nutzer. Und überhaupt: Wer hat sich damals einfallen lassen, dass journalistische Videos langweilig sein müssen?
4. Von den Nutzern lernen
YouTube ist zwar das größte Sammelbecken an Videoexperimenten, wir Journalisten schauen in der Regel nur verächtlich auf den Mammut-Web-Sender. Dabei sind dort die Zeiten von tanzenden Babys und herum kullernden Katzen längst vorbei. Diese Sparte wird es weiterhin geben, längst hat aber eine ganze Generation junger Filmemacher die Abrufzahlen unter Kontrolle. Einfach mal die Abrufzahlen von "seriösen" Videos klassischer Medien mit denen von deutschen YouTube-Filmern vergleichen. Irgendwas müssen die jungen Wilden richtig machen.
5. Netz bedeutet Dialog
Oder mindestens Kommunikation. Wieso sind journalistische Bewegtbilder im Internet weiterhin das einzige Medium, welches abgedreht, produziert und dann einfach ins Netz fallengelassen wird? Der Webseher möchte das Gefühl haben, an der Geschichte teilzuhaben. Genauer ausgedrückt: Teilhaben zu können. Die Quote der Mitmacher ist auch morgen noch ziemlich klein. Aber der Nutzer honoriert das Gefühl, nicht tatenlos vor dem Monitor sitzen zu müssen. Wie dieser Dialog funktionieren kann zeigt übrigens erneut ein Blick z.B. auf YouTube.
6. Technik ist egal, Handwerk nur noch Beiwerk
Natürlich würde sich niemals ein Journalist hinstellen und sagen: "Hey, aufs Handwerk kommt's nicht wirklich an". Gleichwohl handeln zusehends mehr Kollegen nach dieser Minimaleinstellung. Es genügt nicht, eine Flip-Kamera zu schwenken, Interviewpartner ein paar knackige Fragen entgegenzuschleudern und anschließend ins Netz zu pumpen. Das mag für kurze Zeit funktionieren, aber die Probezeit für schlechtes Handwerk ist im Netz kaum noch vorhanden. Leider halten einige Kollegen an dieser Idee fest, die Videos der Nutzer sind ja auch nicht besser. Und damit begehen sie einen der größten Fehler. Ich kenne kaum einen Hobbyfilmer, der nicht nach Perfektion in seinen Videos strebt. Und das sollten wir auch. Guter Ton und sauberes Bild sind für Video ein Selbstzweck: Sie helfen, die Informationen und Emotionen besser zu vermitteln. Und: Wer sich "Profi" nennt und seinen Namen darunter setzt, wird vom Webseher weiterhin anders wahrgenommen als der Abiturient aus Bottrop auf YouTube. Paradoxerweise ist es doch genau das, wonach die meisten Kollegen streben - ihre Profession als unverzichtbar und unverwechselbar zu markieren.
7. Innovation vor Exklusivität
Bei diesem Punkt höre ich einige Video-Kollegen aufschreien: "Aber die exklusiven News bringen uns Traffic". Bis dann irgendwann eine Bürgerinitiative das Nachrichtenfeld besetzt hat. Angesichts ausgedünnter Redaktionen und schrumpfender Budgets längst keine Seltenheit mehr. Dabei honoriert das Web besonders die Kreativen. Eine vermeintlich langweilige Idee anders aufgesetzt, durchaus experimentell, ist der deutlich erfolgversprechendere Weg. Webvideos bedeuten vor allem stetige Weiterentwicklung und Eigenkritik, kein Ausruhen auf dem Status Quo. Und das Einbeziehen der Nutzer in diesen eigenen Dialog.
Soweit ein paar erste Gedanken, die es dann so oder ganz anders in ausführlich (und bunt!) demnächst zu lesen gibt. Feedback wie immer willkommen.