Sorry, aber das ist geil: The Human Drum Machine

Ich bin ein großer Fan des Mystery Guitar Man. Wer den guten Herren noch nicht kennt: Er zählt weltweit zu den erfolgreichsten Webvideomachern. Bis jetzt hat er es auf YouTube auf fast 200 Millionen Videoabrufe gebracht. Aber nicht nur deswegen ziehe ich vor Joe Penna den Hut. Wenn es um den perfekten Einsatz von Social Media für Bewegtbild geht, gibt es kaum jemanden, der kontinuierlich derartig seine Fanbasis pflegt und ausbaut: 1,6 Millionen Abonnenten auf YouTube sind beachtlich.

Beispielhaft Joes Video als menschliches Schlagzeug. Simpel, aber zudem ein perfekter Einsatz der Möglichkeiten des YT-Videoplayers.

(Das Video sollte ganz geladen sein, bevor es mit dem Drummen losgeht.)

Gedanken über ein Buch, Webvideos und Journalismus überhaupt

Nun wird es also ernst. Nicht mehr ganz so lange, und die 25 Seiten müssen abgeliefert werden. 25 Seiten für ein Buch über "neuen Journalismus" und was Webvideos damit zu tun haben. Und damit ist die Zeit gekommen, etwas zu reflektieren. Und wo ginge das besser, als im Blog?

Am Anfang steht die Definition. Gewissermaßen die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Die Antwort auf die schwierige Frage: Was sind Webvideos überhaupt?

Zum Einen sind Webvideos weiterhin Bewegtbild. Also diese Stücke, die im Fernsehen seit Jahrzehnten hoch und runter laufen. Und doch steckt mehr dahinter. Das Internet zwingt uns förmlich dazu, die bestmögliche Erzählweise für eine Geschichte auszuwählen. Das mag manchmal Text sein, ein Foto oder eben ein Video. Dieser Drang nach Medienkonvergenz geht noch weiter: Gute Webvideos müssen ins Netz passen. Müssen sich den geänderten Nutzungsgewohnheiten beugen, noch zielgerichteter das Publikum ansprechen und oben drauf die eigenen Fesseln abstreifen und zu einem Dialogmedium werden.

Womit wir bei den Gedanken sind:

1. Webvideo ist nicht WebTV

Diese Erkenntnis reift zusehends auch bei gestandenen Fernsehmachern. Weil ihre Werke im Netz nicht funktionieren. Entweder zu lang, falsch aufgebaut oder schlichtweg falsch kommuniziert. Bei aller Freiheit in der Gestaltung von Bewegtbildern im Netz sind einige Rahmenbedingungen einzuhalten. Zugegeben: Das war vor ein paar Jahren noch nicht der Fall. Wir haben frei ins Blaue produziert und experimentiert. Das ist zwar weiterhin nötig, doch die Parameter im Labor sind Dank erster aussagekräftiger Studien nun deutlich sichtbarer.

2. Authentizität ist alles?

Das war vielleicht vor ein paar Jahren noch so. Möglichst authentisch wirken, auch im Journalismus. Eine verwackelte Kamera hier, etwas unsauberer dort und schon sind wir Journalisten auf Augenhöhe mit unseren Websehern. Die Idee hat nicht gezündet. Einfach weil die Webseher nicht dumm sind. Sie verfügen über das, was ich "angeborene Medienempathie" nenne. Sie riechen sehr schnell den Braten, wer unehrlich handelt, kriegt irgendwann die Macht des Netzes zu spüren. Wie also vorgehen? Mit Transparenz. Webseher scheuen sich nicht davor, Hintergründe zum Video aufzusaugen.  Entweder paralel zum Video oder über den journalistischen "long tail" - über das Gesamtwerk des Autors.

3. Wie viel Unterhaltung darf's sein?

Dieser Punkt bereitet mir am meisten Kopfschmerzen. Das Netz ist ein Aufmerksamkeitsschlachtfeld. Schnarchige Videos, selbst mit der wichtigsten Nachricht des Jahrhunderts, haben es schwer im Netz. Bewegtbilder leben von ihrer Geschichte. Ob nun klassisch griechisch aufgebaut, oder extravagant im New-Hollywood-Stil. Die größte Gefahr des Journalismus führt dazu, vor lauter Erzählen das Informieren zu vergessen. Und nicht selten werden dann aus Geschichten kleine Märchen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Informationen im Netz nur mit einer gerüttelten Portion Unterhaltung transportiert werden können, zumindest für einen Großteil der Nutzer. Und überhaupt: Wer hat sich damals einfallen lassen, dass journalistische Videos langweilig sein müssen?

4. Von den Nutzern lernen

YouTube ist zwar das größte Sammelbecken an Videoexperimenten, wir Journalisten schauen in der Regel nur verächtlich auf den Mammut-Web-Sender. Dabei sind dort die Zeiten von tanzenden Babys und herum kullernden Katzen längst vorbei. Diese Sparte wird es weiterhin geben, längst hat aber eine ganze Generation junger Filmemacher die Abrufzahlen unter Kontrolle. Einfach mal die Abrufzahlen von "seriösen" Videos klassischer Medien mit denen von deutschen YouTube-Filmern vergleichen. Irgendwas müssen die jungen Wilden richtig machen.

5. Netz bedeutet Dialog

Oder mindestens Kommunikation. Wieso sind journalistische Bewegtbilder im Internet weiterhin das einzige Medium, welches abgedreht, produziert und dann einfach ins Netz fallengelassen wird? Der Webseher möchte das Gefühl haben, an der Geschichte teilzuhaben. Genauer ausgedrückt: Teilhaben zu können. Die Quote der Mitmacher ist auch morgen noch ziemlich klein. Aber der Nutzer honoriert das Gefühl, nicht tatenlos vor dem Monitor sitzen zu müssen. Wie dieser Dialog funktionieren kann zeigt übrigens erneut ein Blick z.B. auf YouTube.

6. Technik ist egal, Handwerk nur noch Beiwerk

Natürlich würde sich niemals ein Journalist hinstellen und sagen: "Hey, aufs Handwerk kommt's nicht wirklich an". Gleichwohl handeln zusehends mehr Kollegen nach dieser Minimaleinstellung. Es genügt nicht, eine Flip-Kamera zu schwenken, Interviewpartner ein paar knackige Fragen entgegenzuschleudern und anschließend ins Netz zu pumpen. Das mag für kurze Zeit funktionieren, aber die Probezeit für schlechtes Handwerk ist im Netz kaum noch vorhanden. Leider halten einige Kollegen an dieser Idee fest, die Videos der Nutzer sind ja auch nicht besser. Und damit begehen sie einen der größten Fehler. Ich kenne kaum einen Hobbyfilmer, der nicht nach Perfektion in seinen Videos strebt. Und das sollten wir auch. Guter Ton und sauberes Bild sind für Video ein Selbstzweck: Sie helfen, die Informationen und Emotionen besser zu vermitteln. Und: Wer sich "Profi" nennt und seinen Namen darunter setzt, wird vom Webseher weiterhin anders wahrgenommen als der Abiturient aus Bottrop auf YouTube. Paradoxerweise ist es doch genau das, wonach die meisten Kollegen streben - ihre Profession als unverzichtbar und unverwechselbar zu markieren.

7. Innovation vor Exklusivität

Bei diesem Punkt höre ich einige Video-Kollegen aufschreien: "Aber die exklusiven News bringen uns Traffic". Bis dann irgendwann eine Bürgerinitiative das Nachrichtenfeld besetzt hat. Angesichts ausgedünnter Redaktionen und schrumpfender Budgets längst keine Seltenheit mehr. Dabei honoriert das Web besonders die Kreativen. Eine vermeintlich langweilige Idee anders aufgesetzt, durchaus experimentell, ist der deutlich erfolgversprechendere Weg. Webvideos bedeuten vor allem stetige Weiterentwicklung und Eigenkritik, kein Ausruhen auf dem Status Quo. Und das Einbeziehen der Nutzer in diesen eigenen Dialog.

 

Soweit ein paar erste Gedanken, die es dann so oder ganz anders in ausführlich (und bunt!) demnächst zu lesen gibt. Feedback wie immer willkommen.

 

Der Biorhythmus von Webvideos

Einer der Erfolgsfaktoren für Webvideos ist, wann das Bewegtbild auf Webseherfang ins Netz geht. Erstmalig gibt eine Studie von Brightcove/Tubemogul Einblick in den Tagesrhythmus. Dabei zeigen sich starke Unterschiede in den einzelnen Webvideogattungen.

In der Gesamtheit betrachtet überrascht die Aufschlüsselung nach Wochentagen. Sowohl der Samstag als auch der Montag sind die schwächsten Tage. Aber auch hier gilt: Mit jeweils knapp 13 Prozent der Gesamtvideoabrufe liegen selbst diese beiden Tage nur knapp unter den restlichen Tagen. Spitzentag ist der Mittwoch, der trotzdem unter 16 Prozent der Verteilung bleibt.

Näher aufgeschlüsselt zeigt sich die gänzlich andere Nutzungsgewohnheit der Mediengattungen. News getriebene Seiten freuen sich über einen starken Wochenanfang, Entertainment-Angebote nehmen im Laufe der Woche an Fahrt auf. Vor allem der Donnerstag ist der klickträchtigste Tag für Videos aus den Bereichen "Online-Media" (z.B. Blogs) und Marken.

Ein leicht anderes Bild zeigt sich bei der Nutzungsdauer. Hier sind die Wochenenden weiterhin führend. Ein ganz klares Zeichen dafür, dass die "lean back"-Haltung auch im Netz mitbestimmend ist. In der Woche werden vornehmlich kurze Clips konsumiert, am Wochenende bleibt Zeit für längere Stücke.

Marktführer sind dabei weiterhin die Broadcaster: Ihr Content wird, unabhängig vom Wochentag, immer deutlich länger konsumiert als die Inhalte der anderen Gattungen.

Die Schere geht bei der täglichen Betrachtung weiter auseinander: Entertainment-Videos haben ihre Peaks während der Bürozeiten, Fernsehinhalte werden eher in den Morgen- und Abendstunden gesehen. Interessant: Bei Zeitungsvideos ist kein Muster zu erkennen - sie werden den gesamten Tag über konsumiert. Und führen in den Nachtstunden sogar die Abrufrangliste an.

Facebook weltweit zweitgrößter Knotenpunkt für Videos

Der Webvideomarkt wächst rasant weiter. Das geht aus der aktuellen Studie zum dritten Quartal 2010 des Videohosting-Anbieters Brightcove und des Syndizierungs-Dienstes TubeMogul hervor. Nicht nur bleiben die Nutzer länger im Video, auch die Produktion von professionellem Content fürs Web ist in einigen Bereich stark gestiegen.

Facebook wirkt

Nicht ganz unschuldig daran sind die sozialen Netzwerke. Twitter liegt zwar weiterhin abgeschlagen hinter den Suchmaschinen, kann aber mit einer hohen Aufmerksamkeitsrate punkten: Vor allem Markenvideos werden über Twitter nicht nur besonders häufig angeklickt, sondern erfreuen sich einer überdurchschnittlich langen Nutzungsdauer. Die Statistik im Sturm genommen hat dagegen Facebook. Mittlerweile werden 9,6 Prozent der Videos über Zuckerbergs soziale Insel gefunden bzw. empfohlen. Damit liegt Facebook auf dem zweiten Platz der Rangliste und damit erstmals vor Yahoo. Google ist weiterhin der Platzhirsch mit 58 Prozent. Aber der Vorsprung ist im Vergleich zum vorigen Quartal 2010 um 7 Prozent geschrumpft. Nicht zuletzt Dank Facebook.

Sofamacht Spielekonsolen

Erstmals in der Statistik ausgewiesen sind Zahlen nach Gerätetypen. Demnach führen Spielekonsolen bei der Nutzungslänge und können hier ihren Sofavorteil ("lean-back") ausspielen: Die Nutzungsdauer von Bewegtbild liegt bei 2:45 Minuten, der gesamte Online-Durchschnitt liegt bei 2:27 Minuten. Mobile Endgeräte halten die Zuschauer für 2 Minuten am Bildschirm. Nicht in der Statistik aufgeführt sind dagegen Set-Top-Boxen wie GoogleTV, AppleTV und Boxee.

Die Browserfrage

Wenn es um das Abspielen von Videos im Web geht, hat der Nutzer die Qual der Wahl. Marktführer in allen Videosegmenten ist weiterhin Microsofts Internet Explorer (mit durchschnittlich 50 Prozent). Mit Abstand folgen (in Reihenfolge): Firefox, Chrome und Safari (nahezu gleich).

Nutzungsdauer weiterhin kritisch

Auch wenn die allgemeine Nutzungsdauer für Videos im Netz zunimmt, die Aufmerksamkeitskurve ist weiterhin erfolgskritisch für das Vermitteln des gewünschten Inhaltes.

In Worten ausgedrückt: 39 Prozent der Zuschauer verlassen nach 50 Prozent das Video, zumindest bei Markenvideos. Bei den anderen Videosegmenten sieht es weiterhin schwierig aus. Vor allem Zeitungen und Magazine müssen weiterhin mit der 50-Prozent Regel leben: 50 Prozent der Zuschauer sind nach der Hälfte des Videos weg.

Auffällig der Einbruch der Zahlen bei Zeitungsvideos. Eine mögliche Erklärung: Im dritten Quartal ist der Videooutput bei Zeitungen rasant um 51 Prozent gestiegen. Die durchschnittliche Nutzungsdauer dagegen nur minimal auf 1:30 Minute. Der neue Content scheint demnach die branchenübliche Länge von 2 Minuten für ein Zeitungsvideo stark nach oben verändert zu haben.

In der nächsten Betrachtung der Studie schaue ich mir die Zahlen zur täglichen Nutzung von Webvideos an.

1. Deutscher Webvideopreis 2011

Begleitend zum 3. Deutschen Videocamp am 19. und 20. Februar 2011 in Essen wird erstmals der Deutsche Webvideopreis verliehen. Um diese beiden Veranstaltungen zu bündeln, firmieren diese nun zusätzlich zusammen unter dem Dach "Deutsche Webvideotage".

Das Warum

Braucht es einen weiteren Preis in der Medienbranche? Wir sind der festen Meinung, dass die Zeit überreif ist. Webvideos sind nicht nur ein elementarer Bestandteil des Netzes, sie sind zudem einer der stärksten Wachstumsmotoren für die digitale Wirtschaft geworden. Kaum ein Unternehmen, welches nicht Onlinebewegtbilder in die Markenstrategie einfließen lässt, kein deutsches Medienhaus, das nicht mit Webvideos arbeitet und Dank Smartphones gehört das Filmen fürs Netz zur Pausenhofbeschäftigung wie früher das Tischtennisspielen.

Nur für Webvideos

Die fast unübersichtliche Schwemme an Webvideos ist zugleich der größte Nachteil dieser Medienrevolution. Viele Perlen, ob von Profis oder Amateuren, gehen in der Masse unter. Und hier möchte der Webvideopreis ansetzen.

Prämiert werden die besten, innovativsten und webaffinsten Videostücke aus dem deutschsprachigen Raum. Die Auswahl beschränkt sich dabei bewusst auf Videos, die explizit für das Web produziert worden sind. Statt althergebrachter Preiskategorien werden auch die neuen Genres im Netz berücksichtigt. So wird es zum Beispiel einen Preis für das beste "Do-it-Yourself-/How-To-Video" geben.

Abendliche Gala

Die Auswahl der Preisträger übernimmt eine Fachjury aus Bewegtbildexperten, unter anderem mit Videojournalist und Grimme-Online-Preisträger Mario Sixtus ("Elektrischer Reporter"). Zudem hat jeder Webseher im Vorfeld die Möglichkeit, seinen Favoriten und somit den Publikumspreis mitzubestimmen.

Wir arbeiten derzeit mit Hochdruck an den letzten Feinheiten der Veranstaltung und freuen uns bereits jetzt über eine große Zahl namhafter Medien- und Kooperationspartner, welche die Preisverleihung unterstützen werden. Der Webvideopreis 2011 wird während einer abendlichen Gala in einer bekannten Kulturlokation in Essen vergeben, bei der auch der Unterhaltungsfaktor nicht zu kurz kommen soll. Moderiert wird die Veranstaltung u.a. von Journalist Christoph Krachten, der mit seiner Online-Talkshow "clixoom" zu den erfolgreichsten Webvideo-Machern Deutschlands gehört.

Die Webvideotage sind wie schon das Videocamp eine Veranstaltung, die für und von euch ist. Bitte tragt die frohe Kunde weiter. Beteiligt euch mit Ideen. Gestaltet den Preis durch eure Vorschläge mit.

 

Demnächst mehr

Detaillierte Informationen zum Webvideopreis folgen nach den Feiertagen im Januar 2011 auf www.webvideotage.de sowie auf Twitter und Facebook. Presseanfragen bitte an presse(at)webvideotage.de

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Stefan Evertz (Blog I Twitter)

Markus Hündgen (Blog I Twitter)