Videopunk

Anarchy in Web-TV

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Bewegtbild muss sich selbst aufgeben

Vor mehr als zwei Jahren posaunte ich mein Videopunk-Manifest in den digitalen Konzertsaal. Bewusst provokativ, kontrovers, verknappt. Viele Diskussionen wurden seitdem geführt, was denn nun Webvideo sein kann oder soll. Endlich meine Antwort: Webvideos müssen sich selbst als Darstellungsform aufgeben.

Nicht ein moralischer, sondern ein durchaus rationaler Altruismus ist gemeint. Selbstaufgabe zum Selbstzweck. Nicht der Abrufzahlen wegen, sondern zum Wohle der Medienkonvergenz.

Webvideo wird gemeinhin als eingekapselte Darstellungsform gesehen. Äußerliche Faktoren wie Länge, Stilmittel, technisches Handwerk gleichen sich zunehmend den analogen Nutzungsgewohnheiten an. Guter Content ist so lang wie er gut ist, Sehgewohnheiten werden adaptiert und manchmal bewusst gebrochen. Ein verwackeltes Video kann gleichberechtig neben einer Hochglanzproduktion stehen.

Doch im Sinne der Netznutzungsweise kämpft Webvideo weiterhin um seinen eigenen Stellenwert. Alle Versuche der Monetarisierung basieren darauf: Pre-Rolls sind nur ein Ausdruck von vereinheitlichter Mediennutzung. Und damit der immanente Feind des Webvideos.

Webvideos müssen sich von den äußerlich angelegten Windeln freistrampeln.

Für DerWesten habe ich versucht, einige Grenzen zu überschreiten und die Regeln der Darstellung zu brechen.

1.)

Kurze Live-Schnipsel (dort als Fazit in Blog-Form), gefilmt per Handy, vermitteln unmittelbar den bewegten Eindruck vor Ort. Die journalistische Einordnung erfolgte sowohl über Twitter (Text und Foto) als auch über die redaktionelle aktuelle Arbeit der Zentralredaktion in die Reportagen der anderen Kollegen.

Bewegtbild verzichtet hier auf eine, z.B. moderierte Einordnung des Gesehenen in das Geschehen.

 

2.)

Dieses Video von einer Haussprengung wirkt altbacken in seiner Darstellungsform. Leider ist der "Reifegrad" des Videos im Portal nicht mehr zu sehen. Bevor das fertig geschnitte Video ins Portal kam, gab es eine Rohfassung nur mit der Sprengung. Dies bereits nach wenigen Minuten. Insgesamt wurden drei Versionen des Videos online gestellt, parallel zu den aktuell eintreffenden Texten und Informationen der Reporter vor Ort. Webvideo war ein Teil des journalistischen Prozesses und wuchs mit.

 

3.)

Bei dieser Reportage ging es darum, Bruchstücke in der Geschichte mit Bewegtbild anzureichern. Dies fängt bei einem bebilderten Interview an, geht über einen klassischen VJ-Beitrag über das Handwerk, bis hin zu einfachen Schwertkampfszenen zur bildlichen Illustrierung des Erlebten. An dieser Stelle gingen Text und Video eine schon bei der Produktion aufeinander abgestimmte Symbiose ein. Beide Darstellungsformen haben als gemeinsame Erzählweise davon profitiert. (Leider sind beim Relaunch einige Videos zum Ende hin verkürzt worden...)

 

Diese drei Beispiele waren nur der Anfang. Die geschätzten Kollegen von Spiegel Online haben mittels Videos ein Quiz gebaut: Die Frage taucht im Video auf und bezieht sich auf den gesehenen Inhalt. Berühmt ist die mit Preisen ausgezeichnete Reportage "Pearls before breakfast" der Washington Post. Das als Überwachungsvideo "getarnte" Video rundet die Geschichte ab. Das Special der Las Vegas Sun zur Geschichte der Stadt vereint etliche Darstellungsformen zu einer Einheit.

Videos müssen sich als Darstellungsform aufgeben. Um sich selbst neu zu erfinden.

Veröffentlicht February 23, 2010
Feb 26, 2010
Henning said...
„Videos müssen sich als Darstellungsform aufgeben. Um sich selbst neu zu erfinden.“

Ich finde diese Aussage in ihrer Pauschalisierung ebenso falsch wie den hypothetischen Gegenstandpunkt, der da lauten könnte: „Webvideos müssen sich an den Standards des Fernsehens orientieren.“ Auf beides kann man antworten: „Kommt drauf an.“ Auf die Plattform, die Zielgruppe, das Thema… Hybride Text-Bild Berichte können im Web durchaus mit traditionell gemachten, linear erzählten Videoreportagen koexistieren. Die Art und Weise, (komplexe) Geschichten spannend zu erzählen, ist seit Aristoteles weitgehend gleich geblieben und ein paar Jährchen Webvideo werden das kaum aushebeln.

Nee, selbst auf die Gefahr hin hier zu nerven: Für mich ist und bleibt die wichtigste Baustelle die inhaltliche Herangehensweise. Unsere Medienprodukte –von Print, über Hörfunk und TV bis hin zum journalistischen Webvideo- verkommen immer mehr zur Zerstreuungs- und Verlautbarungssauce, abzielend auf die vermeintlichen Interessen und Wünsche einer ‚Mittelschicht’, die sich in längst Auflösung befindet. Die Zuschauer werden nach Kriterien vorselektiert, die auf reiner Erfindung beruhen (so wie Helmut Thomas sakrosankter 14-49 Cluster für ‚attraktive Zielgruppen’). Themen werden von Lobbygruppen künstlich gesetzt und vermittels integrierter Kommunikation bundesweit in die Schlagzeilen gehievt (siehe die jüngste Hartz IV Debatte). Vom weit verbreiteten Scheckbuchjournalismus (Besonders bei Auto- und Reisethemen) mal ganz zu schweigen.

Ich behaupte einfach mal: Wenn Webvideos hier einen Kontrast setzen, kritischen bis aggressiven, respektlosen und dabei hochwertigen Journalismus wagen würden, dann wäre die Form ziemlich wumpe. Der Kontrast zum TV, wie es heute daherkommt, wäre ‚Unique Selling Point’ genug.