Videopunk

Anarchy in Web-TV

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Authentisch oder tot

Ich bin kein Freund deutscher Fernseh-Hausmannskost. 99 Prozent der konsumierten filmmernden Inhalte sind grenzdebil, plumpe Verarsche oder dreiste Abzocke. Dummerweise glauben eben jene TV-Anstalten, die durch Innovationsfeindlichkeit glänzen oder die BUNTE für ein Qualitätsmedium halten, ihren wertvollen Content ins Netz kippen zu müssen. Seit an Seit stehen sie dabei mit Verlegern und anderen Medien-Gespenstern. Die gute Nachricht: Im Netz gibt es nicht nur Volldeppen.

Das Zauberwort, woran so ziemlich alle Bewegtbild-Bauer versagen, ist "Authentizität". Für Mitleser oben angesprochener Sender: Das hat was mit Echtheit zu tun. Grob geschrieben bedeutet das: Realität abbilden und möglichst wenig verzerren.

 

Dass Sender wie Sat1 Authentizität mit Zuschauerfängerei verwechseln, sei diesem Nachrichtensender verziehen. Leider sieht es auch bei den Öffis nicht viel besser aus: Wer nicht durch Zufall mit der Fernbedienung im Nachtprogramm auf einem der Dritten hängenbleibt, wird auf den vorderen Kanälen mit geskriptetem Alltag erschlagen. Ganz ehrlich: Wie viel Ehrlichkeit steckt in der Tagesschau, wenn von einem Fließband-Nachrichtensprecher vertonte Archivbilder über den Äther gejagt werden? Den pauschal-Vorwurf der "Gatekeeper" lasse ich an dieser Stelle bewusst unter den Tisch fallen.

 

Was die TV-Teilnehmer beim Spielen im Netz vergessen: Nicht zuletzt Dank "Social Media" (noch so ein Zauberwort) ist der Begriff Authentizität Fleisch geworden. Das Scheitern der meisten achso-viralen Werbekampagnen liegt an der kaputten Denke, "eben über Facebook Werbung zu machen".

Videojournalismus ist kein Allheilmittel für abzessive Bewegtbild-Strukturen, er ist nicht einmal für jede Bewegtbild-Darstellung als Handwerksmittel geeignet. Aber seine Grundzüge weisen die Richtung. Wenn jemand von Graswurzeln im Internet spricht, sollte er beim VJing anfangen.

Und um gewissen Leuten im Vorfeld das Lüftchen aus den Segeln zu nehmen: Hierbei geht es nicht um euer so hoch gehaltenes Handwerk. Videowackeln ist Begleiterscheinung einer gewissenhaft ausgezeichneten Realität. Das mag euch nicht passen, weil 20 Jahre Zielwasser-Saufen nur für Katz und Leber waren. Aber um den Buchstabensetzer in der Druckerei weint auch niemand mehr.

 

Zum Abschluss ein paar Gedanken des VJ-Trainers Roberto Tossuti (hr-Fernsehen!!!!) zum Thema "Authentizität".

Veröffentlicht March 4, 2010
Mar 05, 2010
Thorsten Schröder said...
Prima Beitrag! Sehr authentisch sind Anweisung wie "Jetzt gehen Sie bitte mal zum Schreibtisch, setzen sich hin und blättern in der Akte da". Immer wieder "gerne" genommen...